ROBs Gedanken

95. Ausgabe
3. Spieltag 2005

Kurs: Berlin!

Während sich ungefähr eine Million Pilger in Köln wegen des Weltjugendtages aufhielten, gesellte sich im Süden selbiger Stadt eine kleine, eingeschworene Gemeinde von etwa 2000 Mitgliedern, um ihren Helden auf dem Rasen zu huldigen. Selbst sintflutartiger Regen konnte die Unentwegten nicht vom Besuch des Südstadions abhalten, und so bekam man denn auch immerhin vier Tore geboten. Dabei bewies Vahid XVI, dass er doch der Torjäger ist, für den ihn die Verantwortlichen bei 96 halten: schließlich köpfte er seinen ersten Treffer für 96 bei seiner ersten Torchance im dritten Pflichtspiel! Auch Yankov und Stajner tankten Selbstvertrauen bei ihren Torerfolgen, Brdaric bestätigte dagegen den Eindruck seiner guten Frühform.

Dass die Amateure dabei trotz langer Unterzahl einen recht guten Auftritt hinlegten und unsere Abwehr öfter mal nicht gar zu gut aussehen ließen, ist bei diesen Konstellationen im DFB-Pokal doch irgendwie ganz normal. Da darf sich dann die Presse freuen und ihren üblichen Standard absondern wie über weite Strecken war kein Klassenunterschied zu erkennen“ etc. pp. Schon heute aber spricht über dieses Spiel niemand mehr, wir sind in der zweiten Runde und da, hol´s der Teufel, gäbe es ja noch eine Rechnung zu begleichen, aus eben der zweiten Runde vor zwei Jahren. Warten wir mal die Auslosung ab, sie findet am 4. September im Rahmen der ARD-Sportschau ab 18 Uhr statt. Amen.

Kinds Kompetenzteam

Den Idioten Kind wird es dann nicht mehr geben. (Martin Kind in einem Interview zur neuen 96-Führungsspitze)

So ändern sich die Zeiten – zwischen der überraschenden Ankündigung, sein Amt als 96-Präsident niederzulegen und der Vorstellung der neuen Führungsriege ließ Martin Kind so wenig Zeit, dass kaum Gelegenheit blieb für die zahlreichen Experten, sich zu positionieren. Klar, man hatte schon den Eindruck, dass in dem kurzzeitigen Vakuum plötzlich Lienen und Kaenzig ihre Muskeln spielen lassen – der eine wiederholte gebetsmühlenartig, er brauche neue Spieler, der andere verwies auf die leeren Kassen und dass nichts möglich sei. Und das wieder schön in aller Öffentlichkeit.

Die Herren Wendt, Maschmeyer und Kind wickelten aber die Geschichte zügig ab – fragt sich nur, wie die sog. "Entscheider" mit ihrer Selbstentmachtung zurechtkommen. Soll sich keiner wundern, wenn einem demnächst AWD-Maschmeyer von hinten auf die Schulter klopft, sollte man unschlüssig zwischen McDonald´s und türkischem Imbiss stehen, und in zackigem Ton anherrscht: "Entschuldigung, offensichtlich muss ja einer die Entscheidung treffen – Sie nehmen jetzt also eine Döner-Tasche!"

In Zukunft wird es ein Triumvirat geben bei Hannover 96, in dem Stadiongesellschafter Karl-Heinz Vehling gewissermaßen für Finanzen zuständig ist. Der Leiter der Abteilung Profifußball wird Ilja Kaenzig – und damit nun in Amt und Würden Vorgesetzter von Trainer Ewald Lienen. Nicht auszudenken, dass der Ilja in der Funktion dem Ewald als kleines Revanchefoul die eine oder andere Kröte zu schlucken gibt. Der Tonfall von Kaenzigs öffentlicher Absage bezüglich der Verpflichtung neuer Spieler lässt einiges erwarten.

Der dritte Mann

Fehlte also nur noch eine Person, die 96 nach außen repräsentiert. Da tauchte eine Liste von zehn Kandidaten auf, die die drei Entscheider in Betracht zogen. Weitgehend lokale Wirtschaftsgrößen, aber u.a. auch Michael Meier, der als Manager Borussia Dortmund in den Ruin geführt hat! Interessant, aber auch da haben sich die Zeiten geändert: früher hätte so jemand sicher gute Karten gehabt, aber die "Sachlichen Drei" entschieden sich für den besten Kandidaten.

Ein Anwalt an der Spitze eines Vereins ist ja nie ganz verkehrt, auch wenn mancher das in Erinnerung an Fritze Willig vielleicht nicht unterschreiben wird. Aber die Zeiten sind nicht mehr ganz so stürmisch, und der neue Mann scheint auch kein ganz so großer Exzentriker zu sein. Das dürfte dem Club dann auch gut tun. Herr von Fromberg wird dann allerdings seinen Platz in der Kanzlei ruhen lassen müssen, wird dafür aber auch mit ca. 300.000 Euro entlohnt, wie die beiden anderen Herren auch. Ehrenamtlich wie Martin Kind – und darauf bezog sich sein Zitat – wird dann bei 96 nicht mehr gearbeitet. Ein weiterer Schritt in die Professionalisierung also.

Die Tatsache, dass weder Ilja Kaenzig noch Ewald Lienen Götz von Fromberg bis dato überhaupt kennen, dürfte der Neue damit wettmachen, dass er seit Jahrzehnten zu den Roten geht und gute Kontakte in Hannover und überregional besitzt. Im Gegensatz zu seinem Intimus Gerhard Schröder hat er also außer 96 keinen Verein (und das ist schließlich das erste Gebot des 96ers), Sollte er also mal zwischen Lienen und Kaenzig geraten, so darf er also beide ruhig mal mit dem berühmten Zitat seines Namensvetters von Berlichingen belegen: "Wo viel Licht ist, ist auch Schatten!"

Ja, leck´mich doch am Arsch, das ging doch irgendwie anders...

Schweres Freundschaftsspiel

Die Spiele gegen den Hamburger SV, ob nun an Alster oder Leine, waren in den vergangenen Jahren ja immer überschwängliche Feste, bei denen die Fans beinahe schon übertrieben ihre Verbundenheit während der Partie zum Ausdruck brachten. Schön war es vor allem für die Roten, dass sie nach der Auftaktniederlage nach dem Wiederaufstieg fünfmal siegreich blieben, und die Hamburger am Ende immer mitfeiern mussten. Insofern waren wir also nicht so gute Kumpels, die Hanseaten aber schon, mutierten sie doch zu unserem Lieblings- bzw. die Roten zu deren Angstgegner. Und doch wurde auch nach Schlusspfiff immer gemeinsam gefeiert.

Nun, diese Spielzeit sieht es allerdings nicht ganz so rosig aus. Der Hamburger SV hat in der Bundesliga noch gar kein Gegentor kassiert und steht durch die (erfolgreich absolvierte) Teilnahme im UI-Cup bereits zu Beginn der Saison voll im Saft. Mit einem Sieg in der AOL-Arena rechnen daher in Hannover nur die wenigsten Optimisten, über das dritte Remis im dritten Bundesligaspiel hingegen würden sich die meisten wohl schon freuen.

Was wiederum bedeuten würde, dass Hannover 96 beim nächsten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt doch bereits einigermaßen unter Druck steht. Die Partie findet ja erst in 14 Tagen statt. Überhaupt nimmt die Bundesliga dann erst richtig Fahrt auf, auch für die Unseren, auf die dann eine heftige Englische Woche wartet mit Bayern und Schalke auswärts sowie Wolfsburg dazwischen daheim. Viel Spielraum bleibt da bei der gehobenen Erwartungshaltung an der Leine nicht. Der verpasste Dreier von Nürnberg könnte da bald schmerzhaft ins Gewicht fallen, ein Pünktchen in Hamburg dagegen schon etwas mehr als Ergebniskosmetik sein.

Doch sehen wir´s positiv: die Mannschaft stellt sich von selbst auf und danach sind zwei Wochen Zeit, um sich zu regenerieren. Das gilt natürlich auch für die Fans und deren anschließende Feierlichkeiten...

Rote Grüße

ROB,

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