ROBs Gedanken

93. Ausgabe
2. Spieltag 2005/ 2006

2:2-Sieg!

Ich dachte, Hauptsache aufs Tor!
(Michael Tarnat nach dem Spiel gegen Hertha)

Dabei waren sich ROB und TED, so etwas wie der Konfuzius unter den Fußball-Weisen, vor Ausführung des Freistoßes einig, dass, wenn Tanne der Schütze sein sollte, der Ball übers Tor gehen würde – ganz klar, der Ort der Vollstreckung war einfach zu nah am gegnerischen Gehäuse. Wie schön man sich doch täuschen kann. Der an dieser Stelle oft gescholtene Tarnat hämmerte den Ball jedenfalls derart gegen den Innenpfosten, dass man vom Fan-Block aus einen Moment brauchte um zu realisieren, dass die Kugel tatsächlich drin war. Kaum zu glauben.

Denn zugegebener Maßen war der Verfasser kein vorbildlicher Fan an diesem Nachmittag, sondern hatte das Spiel nach dem zwischenzeitlichen 0:2 bereits abgehakt. Zu präsent waren mit einem Mal die bitteren Heimpleiten gegen Hertha in den letzten drei Spielzeiten.

Die Blau-Weißen waren jedenfalls im ersten Durchgang keinen Deut besser als 96. Schon nach dem beidseitig entfachten Strohfeuer in der Anfangsphase, also nach etwa zehn Minuten, verbreitete sich der Eindruck eines glasklaren 0:0-Spiels im Stadion. Nach dem Wechsel war es eigentlich nicht anders, jedoch kamen die Gäste zu zwei Torerfolgen wie die Jungfrau zu Zwillingen – oder so.

Das Foul Stajners an Friedrich war eben ein klares, aber ebenso klar war es wohl außerhalb des Strafraums – das war vom Stehplatzbereich wieder nicht auszumachen. Aber wenn der „Kicker“ das schon bei der Benotung von Schiri Kircher (Note 4,5) anführt, muss es ja wohl stimmen. Es war übrigens die dritte (un)strittige, das Spiel beeinflussende Szene in den letzten vier Auftritten der Hertha bei 96, die zugunsten der Berliner entschieden wurde (vgl. ROB Nr. 92) – diesmal aber nahm sie am Ende keinen bösen Einfluss auf das Resultat. Marcelinho jedenfalls versenkte den Elfer, der keiner war.

Die vollständige Depression löste aber der Treffer zum 0:2 aus: plötzlich lief bei den Hauptstädtern das Bällchen und nur fünf Minuten nach dem Führungstreffer schob Wichniarek das Spielgerät erneut ins Gehäuse der Roten. Wichniarek, jawohl! Artur Wichniarek, der damit am ersten Spieltag dieser Spielzeit also bereits die Hälfte seiner Buden von 03/04 (bei 18 Einsätzen) und genau so viel wie in der vergangenen Saison (bei 23 Einsätzen) für Hertha erzielt hat. Wer sollte bei dieser 96-Fans nicht unbekannten Dramaturgie denn nicht daran glauben, dass dieses wieder ein typisches Spiel der Roten werden würde?

Aber die Zuschauer und ihr Team waren längst nicht mausetot, wie es einige Hertha-Spieler nach dem Spiel beurteilten. Vielleicht war auch genau das der Fehler – gegen Mannschaften wie die der Berliner ist man trotz eines Zwei-Tore-Rückstandes noch lange nicht am Ende, denn sie neigen zur Selbstüberschätzung und zu Nachlässigkeiten. Allenfalls in der Phase nach dem Elfmetertor waren die Gäste die bessere Elf, eine gute Viertelstunde lang, dann kämpften sich die Roten wieder heran. Sicherlich hätten die Gäste bei einer ihrer wenigen Konterchancen das Spiel entscheiden können, aber dabei zeigten sie sich nicht abgebrüht genug.

So erzielte der erstaunlich starke Dabrowski nach Brdaric-Pass ein sehenswertes Kopfballtor – sein erstes Bundesligator für 96 im 47. Einsatz. Das weckte die Lebensgeister aufs Neue. Mit dem nötigen Glück bei den vereinzelten Hertha-Vorstößen, einem großen Kämpferherzen und einer beachtlichen Beharrlichkeit beim Streben nach dem Ausgleich gelang dieser schließlich kurz vor dem Ende – und war folgerichtig verdient.

Bemerkungen zum Neben-Schauplatz

ROB hatte sich bis dahin mehr mit dem Schiri-Gespann beschäftigt, das sich zweimal von Zeitschindereien (Tremmel, Rafael) leicht hinters Licht führen ließ. Die durchsichtige Schauspieleinalge des Deutsch-Angolaners, der erst so tat, als sei ihm das gesamte Knie durchgeknallt, dann aber schon ohne Trage vom Platz hüpfte, wurde vom Referee sogar noch damit belohnt, dass er umgehend von draußen wieder in das laufende Spiel eingreifen durfte.

Beeindruckend auch die Hertha-Abseitsfalle: beim Steilpass auf Brdaric hob BSC-Verteidiger Simunic einfach mal den Arm, obwohl er derjenige war, der die regelwidrige Position aufhob – prompt hob der Assistent an der Seitenlinie die Fahne! Das nennt man wohl Hauptstadt-Bonus…

Die Beurteilung der vier zum Einsatz gekommenen Neuzugänge fiel am Ende übrigens ebenfalls unentschieden aus: während sich Brdaric und vor allem Balitsch als belebend für das Spiel erwiesen, lief das Spiel an Yankov und vor allem Hashemian weitgehend vorbei. Im Fall des Iraners machten sich gar Befürchtungen unter einigen Fans breit, dass er bereits Opfer der Taktik Ewald Lienens sei, da man ihn doch sehr oft in zurückgezogener Position sah – da, wo der Trainer bereits EX-Torschützenkönig Christiansen die Flügel gestutzt hatte. Aber für solche Analysen ist es sicher noch zu früh.

Abschließend noch ein kurzer Kommentar zu unserem Ex-Keeper Gerhard Tremmel. Der wurde viel zu selten geprüft und machte bei den wenigen Aktionen, die er zu bewältigen hatte, einen unangenehm sicheren Eindruck. Erst nach dem Ausgleich blitzte der alte Gerry kurz auf, als er einen Abstoß ins Seitenaus kickte. Es hätte ruhig etwas mehr sein dürfen. Der große TED sah das allerdings nach dem Spiel anders: der Tarnat-Freistoß sei ja wohl deutlich auf die Torwart-Ecke gekommen…   

Die Pflicht des Chronisten

Der erste Spieltag der neuen Saison förderte im Kicker-Sportmagazin diverse Statistiken zu Tage, die (un)mittelbar mit den Roten zu tun haben. Der interessierte 96-Fan hat selbstverständlich ein Anrecht auf ein Resümee dieser Fakten, auch wenn sie in den meisten Fällen nicht allzu erfreulich ausfallen. Diesem Auftrag möchte ROB also an dieser Stelle nachkommen.

1.) Hannover 96 war am ersten Spieltag dieser Saison der einzige Bundesligist, der vom Recht auf Auswechslungen kein Gebrauch machte. Eigentlich aber kein großes Wunder, wenn man an die Verletzungsmisere bei den Roten denkt. Die Herren Juric, Vinicius und Halfar gehörten noch zum bekannteren Personal auf der Reservebank. Die Adoleszenten Dietwald, Großöhmichen, Hahne und Schulz hingegen sind eher den Insidern bekannt -  etwa einem Teil der Mitglieder vom Roten Berlin durch deren Auftritte mit der A-Jugend in der Hauptstadt.

2.) Der letzte Heimsieg der Roten zum Bundesliga-Auftakt gelang vor 36 Jahren. Gegen Borussia Dortmund kamen die 96er 1969/70 zu einem 4:2-Sieg (Tore: Brune 2, Bandura, Loof - Erler, Wosab)

3.) Michael Tarnat traf wie schon letzte Saison im Auftaktspiel: damals erzielte er das vorübergehende 1:0 in Leverkusen (Endstand 1:2), ebenfalls per Freistoß (damals aber ein indirekter).

4.) Hertha BSC verspielte wie in der Vorsaison am 1. Spieltag eine 2:0-Führung – damals zuhause gegen den VfL Bochum (Endstand ebenfalls 2:2).

5.) Owen Hargreaves, Torschütze beim 3:0 des FC Bayern gegen Gladbach, freute sich nach dem Spiel: „Drei meiner fünf Bundesligatore hab´ ich gegen Gladbach gemacht“. Hoffentlich vergisst der englische Nationalspieler darüber, dass er die anderen beiden Treffer in Hannover erzielte, und dass in der letzten Minute bzw. der Nachspielzeit.

6.) Das 3:0 des Hamburger SV gegen Nürnberg war der erste Auftaktsieg des letzten Dauer-Bundesligisten seit zwölf Jahren – mit einer Ausnahme: 02/03 gab es einen 2:1-Sieg zum Start gegen 96 (Tore: Zuraw; Albertz 2)

Auch in den Niederungen der Zweiten Liga haben die Roten natürlich Spuren hinterlassen, die zum Beginn dieser Saison Erwähnung fanden…

7.) Die Partie gegen die Offenbacher Kickers war das erste Zweitliga-Heimspiel von Hansa Rostock seit zehn Jahren. Am 11.06.1995 verbuchten die Ostseestädter einen 3:0-Sieg (Tore: Milde, Baumgart, Beinlich) und machten damit den Aufstieg klar – Gegner Hannover 96 (mit Interimstrainer Milos Djelmas für den beurlaubten Rolf Schafstall) beendete die Saison auf Platz 12 (von 18).

8.) Seit Einführung der eingleisigen Zweiten Liga 1981/82 ist keinem Bundesliga-Absteiger ein solch fulminanter Start gelungen, wie dem VfL Bochum beim 4:0 vergangenen Samstag in Saarbrücken. Ausnahme: dem Karlsruher SC gelang ein 5:1-Sieg am 1. Spieltag der Saison 1983/84 – bei Hannover 96 (mit dem kurze Zeit später geschassten Gerd Bohnsack auf der Bank)! Am Ende stand für den KSC der Wiederaufstieg, die Roten wurden mit Trainer Werner Biskup Vierzehnter (von 20 Teams). Für den KSC trafen Theiss, Dittus, Kleppinger und Günther(2), den Ehrentreffer erzielte Frank Hartmann per Elfmeter.

Roth, gib´ uns drei Punkte aus…!

Ich habe einiges gesehen, worauf man aufbauen kann.

(Nürnbergs Trainer Wolf nach der 0:3-Pleite in Hamburg)

Sicher, beim Hamburger SV kann man schon mal 0:3 verlieren, sind die Hanseaten doch durch den UI-Cup anscheinend schon voll im Saft. Warum allerdings der 1.FC Nürnberg mancherorts stärker als letzte Saison eingeschätzt wird, scheint dennoch unverständlich. Sicher, die Neuzugänge müssen sich erst mal einspielen, ob Spieler wie die Tunesier Chedli und Mnari aber mit der Bundesliga klar kommen und der Tscheche Jan Polak in die Rolle des Spielgestalters wächst, ist längst noch nicht klar. Und dass Marek Mintal seine famose Torjagd ähnlich erfolgreich wie vergangene Saison fortsetzt, scheint mehr als fraglich.

So steht der Club nach der klaren Auftaktniederlage schon unter Druck, schließlich hat es das Startprogramm der Nürnberger in sich (96, Bayern und Schalke zuhause, Frankfurt und Wolfsburg auswärts). Gegen die Roten müssen die Franken also eigentlich gewinnen, was für uns eigentlich wiederum nur von Vorteil sein kann, müssen die Hausherren doch angreifen und gleichzeitig die Nerven unter Kontrolle behalten.

Schließlich kommt am Samstag ja auch noch hinzu, dass Club-Präsident Michael A. Roth, Teppich-Großhändler („ARO“) und einer der letzten Potentaten bei einem Bundesligisten, seinen 70. Geburtstag begeht. Und der weißhaarige und –bärtige Jubilar, der angeblich sein Portrait als Teppich zuhause an der Wand hängen hat, lässt sich zu diesem Anlass nicht lumpen: jeder Besucher der Partie am Samstag soll ein Getränk und einen kleinen Imbiss spendiert bekommen. Das erlebt man als Fan auswärts auch nicht alle Tage  – und sollte als Getränk auch eine „Schwarze Maß“ (Ein-Liter-Mixgetränk aus viel Schnaps und wenig Cola, so genau weiß V-Mann TED das allerdings nicht mehr) durchgehen, dürfte eines schon für einen zünftigen Rausch reichen…

Wenn es auf dem Platz also ähnlich freundlich zugeht, braucht den Roten wohl nicht bange zu sein. Bereits vor dem Spiel des FCN in Hamburg hatte Club-Kapitän Cantaluppi die Eindrücke aus den Vorbereitungsspielen ja so zusammengefasst: „Hinten stehen wir schlecht und vorne machen wir keine Bälle rein“. So war dann auch der Auftritt an der Alster, und so darf es natürlich auch bis Samstag, 17.15 Uhr, bleiben.

Und sollte 96 einen eher schlechten Tag erwischen, dann bleibt immer noch die Hoffnung auf den Gegner. Oder um es mit den Worten von Nürnbergs Trainer Wolf vom vergangenen Sonnabend zu sagen: „Immerhin hat uns nicht der HSV geschlagen, sondern wir uns selbst“.

Ganz ehrlich: wer den Club am Ende besiegt, das ist dem 96-Fan wohl ganz schön egal…

Rote Grüße

ROB

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