ROBs Gedanken

92. Ausgabe
1. Spieltag 2005/ 2006

"Allem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Der Anfang ist ein Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht, darin das Ding, welches anfängt, noch nicht war.
(Immanuel Kant, "Kritik der reinen Vernunft", B 482)

Jenau so isset mit den Anfang, janz jenau jenommen.

Das mit dem Zauber, was ja wiederum von Hermann Hesse stammt, stimmt aber auch ganz eindeutig. Immer wieder am eigenen Leib zu erfahren, wenn der Start der neuen Saison unmittelbar bevor steht. Dann zieht es einen immer wieder magisch an den Spielort des ersten Punktspiels, die Neuen zu beobachten, wie sie sich einfügen und ob sie auch mit dem nötigen Herzblut bei der Sache sind, und die alten Bekannten, um sich an ihrem Wiedersehen zu erfreuen oder sich die Haare zu raufen.

Ja, liebe 96-Freunde, wie sagte schon der große Lue Bu We, der chinesische Kaufmann, Politiker und Philosoph: "Auf jedes Ende folgt wieder ein Anfang, auf jedes Äußerste folgt eine Wiederkehr“. Und so dürfen wir uns nunmehr an der vierten Bundesligasaison der Roten in Folge erfreuen, etwas, was uns seit dem ersten Bundesligaabstieg 1974 nicht mehr vergönnt war. Nach vielen dunklen Stunden mit unseren Lieblingen mögen vielleicht nur noch die größten Optimisten an Johannes Paul II gedacht haben ("Die Mitte der Nacht ist auch schon der Anfang eines neuen Tages"), während sie das berühmte Adenauer-Diktum zu ihrem Leitspruch machten: „Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtig anfangen“.

Schwer tat sich 96 in den ersten beiden Spielzeiten, bis zum Schluss musste gezittert werden, aber jeweils mit einem guten Ende. Und so mancher 96-Fan wird gütig sich der Worte des berühmten Anastasius Grün erinnert haben, der einmal weise formulierte: „Ein Anfang ist kein Meisterstück, doch guter Anfang halbes Glück“. Worauf der Kumpel an seiner Seite gekontert haben würde mit den Worten: „Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge – Cicero!“

Und wahrlich im dritten Jahr legten die 96er aus Hannover zumindest eine furiose halbe Saison hin, und in der Kurve nickten sich die Rot gewandeten nur wissend zu und dachten dabei: „Aller Anfang ist hingeordnet auf Vollendung“. Und sie waren sich einig, dass Thomas von Heesen mit Vollendung nicht allein das durch den Anfang zwingend notwendige Ende meinte, sondern natürlich auch auf die ästhetische Vollendung des Spiels (hinten dicht, vorne hilft der liebe Stendel) und die Vollendung der roten Mission (Champions League) abzielte. Aquin, Aquin! Nicht Heesen…

Und so erwartet die rote Gemeinde die neue Saison mit noch größerer Spannung und Freude, denn was blüht ihr, wenn die 96er den stetigen Aufwärtstrend fortsetzen? Natürlich sind sich alle im Umfeld einig, dass man keinesfalls auf Sallust hören sollte. Der hat sich´s ein bisschen zu einfach gemacht, als er sagte: „Es bedarf nur eines Anfangs, dann erledigt sich das Übrige“ – aber das wird Ewald Lienen den Spielern schon vermitteln. Auch der Trainer aber wird Cesare Pavese beipflichten, der da trefflich sprach: „Die einzige Freude auf der Welt ist das Anfangen“ der neuen Saison.

Denn selbst Sportbanause Goethe schließlich wusste: „Wenn auch die Welt im Ganzen fortschreitet, die Jugend muss doch immer wieder von vorn anfangen“. Jahr für Jahr, Spielzeit für Spielzeit. Dem sei von ROBs Seite lediglich noch angefügt: Also los, Ihr jungen Nichtsnutze, bewegt gefälligst endlich Eure Ärsche! Und damit nimmt sich der Verfasser endlich zu Herzen, was der geneigte Leser in den Worten des einzigartigen Johannes Scherr  wahrscheinlich seit dem zweiten Absatz denkt: „Aller Anfang ist schwer, jawohl; aber das rechtzeitige Aufhören ist eine noch schwierigere Kunst“.

(Mit freundlichem Gruß an wikipedia.de)

Verflixtes Verletzungspech

Hanno, geh Du mal auf Rechts back!

(E. Lienen zu Neuzugang Balitsch im Training)

Wahrlich, der Zauber aber, der dem ersten Spieltag innewohnt, scheint sich für die Roten immer mehr in einen faulen zu verwandeln. Schwarze Magie scheint im Spiel zu sein, betrachtet man die zuletzt von Tag zu Tag prächtig gedeihende Verletztenliste. Idrissou, Sousa, Stendel oder Christiansen – wer redet denn noch von unseren Langzeitverletzten? Oder Cherundolo, dem Opfer des Gold Cups? Schröter, der Rückfallpatient, Delura, Vinicius und Dietwald sind die jüngsten Leidtragenden einer Misere, die uns laut „HAZ“ auf jeden Fall zum Bundesliga-Spitzenreiter der Verletztenlisten macht.

Trainer Lienen wittert gerade im Bezug auf die rechte Position in der Viererkette auch schon höhere Kräfte im Spiel und will den Begriff „Rechtsverteidiger“ aus Aberglauben – siehe obiges Zitat – nicht mehr in den Mund nehmen. Erst Cherundolo, dann Schröter, dann Vinicius bzw. Dietwald – auch der letzte verbliebene Kandidat für diesen Posten, eben Hanno Balitsch, läuft derzeit mit bandagiertem Oberschenkel rum und gilt für Samstag nicht als hundert Prozent sicher. Aber was soll´s? Verlegt werden wird das Spiel deshalb nicht, und verloren haben wir´s deshalb schon gar nicht. Am ersten Spieltag ist schließlich so einiges möglich.

Bei Hertha läuft es in der Vorbereitung ja auch alles andere als rund: mit Bastürk hat sich in der Vorbereitung zwar nur ein Feldspieler, aber dafür ein eminent wichtiger, verletzt. In Hannover aber ruhen die Hoffnungen vor allem auf Gerry Tremmel. Der Ex-96-Keeper wird den verletzten Christian Fiedler, dem damit ein Pfeifkonzert nach dem umstrittenen aberkannten Tor beim letzten Heimspiel gegen die Blau-Weißen erspart bleibt, ersetzen. So mancher 96er wünscht sich am Samstag jedenfalls ganz eigennützig ähnliche Aussetzer des roten Gerhard wie noch zu seiner aktiven Zeit an der Leine.

Haunover 96-Härter BSC

Hainholz – reinholz´! Hainholz – Kleinholz!

(Kabinenlied des ruhmreichen VfV 87)

Außerdem hat der klamme Sportclub aus der Hauptstadt bislang immer noch keine Idealbesetzung für die Position des zentralen Stürmers gefunden. Hinter dem verbliebenen Personal steht ein dickes Fragezeichen: immerhin trafen die nominellen Spitzen Rafael, Dejagah und Wichniarek zuletzt je dreimal – beim 17:0 gegen Eintracht Königs Wusterhausen. Beim letzten ernsthaften Test bei Feyenoord Rotterdam setzte es aber eine deutliche 0:3-Niederlage, die die „BZ“ als „Horror-Test“ bezeichnete. Die Feldverweise für Okoronkwo und Zecke Neuendorf ließ das Boulevardblatt schon analysieren: „Vorbereitung zu hart, Druck zu groß – PRÜGEL-HERTHA!“

Wenn es also am Wochenende keinen fußballerischen Leckerbissen geben sollte, wäre es kein allzu großes Wunder. Und da wir Roten vergangene Saison vor Augen geführt bekommen haben, dass faire Spielweise nicht belohnt wird, brauchen wir uns härtemäßig ja nun nicht mehr zu verstecken und können munter mit drauf los kloppen.

Unangenehme Gäste

Vom FC Bayern reden wir ja mal gar nicht. Die haben seit dem Wiederaufstieg der Roten ja schon zweimal Unentschieden in Hannover gespielt. Und beim letzten Mal doch eigentlich auch, wenn der Schiri einfach in der 89. Minute abgepfiffen hätte. Ach was, 89:30 hätte auch noch gereicht, aber dann kam ja dieser Hargreaves.

Und in der Saison davor, da hätte der Schiri sogar eine Minute nachspielen lassen können, und wir hätten den FCB geschlagen, aber dann kam ja wieder dieser Haarmann. Wenn der Schiedsrichter also zweimal einfach eine Minute eher, oder einfacher noch, wenn irgendwann mal der Haardings nicht geboren worden wäre, dann hätten wir in drei Heimspielen seit dem Wiederaufstieg den großen Bayern fünf Punkte abgeluchst und wären gegen die noch ungeschlagen zuhause.

Ach was, wenn der Haarbums nicht geboren worden wäre, dann hätte er ja 02/03 auch gar nicht den Anschlusstreffer vom Sagnol per Ecke vorbereiten können, folglich wär´ das Pizarro-Tor vier Minuten vorm Ende erst der Anschluss gewesen und auch da hätte es für die Münchner zum Ausgleich nicht mehr gereicht – zack, wären schon sieben Punkte aus drei Heimspielen gegen den FC Bayern, hah! Aber von denen reden wir hier ja gar nicht.

Von wem wir hier auch nicht reden, dass sind Stuttgart, Bremen, Dortmund oder Leverkusen. Der VfB etwa, der immer ganz abgezockt in Hannover auftrat. Einmal 2:1, einmal 1:0 gewonnen, und das jeweils in der Schlussphase der Saison, als 96 jeden Punkt bitterlich nötig hatte, gnadenlos. Aber dann, im dritten Anlauf, rangen wir den Schwaben daheim ein 0:0 ab – der erste Punkt!

Oder der SV Werder, der immer fürchterlich in unserem Stadion über die Roten hereinbrach: 13mal trafen die Bremer in drei Visiten, so oft, dass man glaubte, die Netze sollten danach ausgetauscht werden. Aber schon beim ersten Aufeinandertreffen 2002 mussten die damals noch Grün-Weißen feststellen, dass manchmal auch vier erzielte Tore nicht ausreichen, um den Sieg mit nach Hause zu nehmen. Vor allem, wenn auf der Gegenseite einer steht, der immer für einen Doppelpack gut ist, oder gut war – Fredi, in der Form seines Lebens.

Auch der BVB traf in zwei Partien gleich dreimal in Hannover und nahm die Punkte mit ins Revier – nur 03/04, als Lienens Handschrift sich abzuzeichnen begann, reichte den allzu selbstsicheren Schwarz-Gelben eine 1:0-Führung nicht dank Christiansens verwandeltem Handelfmeter.

Und last and least Bayer 04: 02/03 gewannen sie nicht nur als Abstiegskandidat und 04/05 als UEFA-Cup-Aspirant, sondern waren dabei auch noch ganz miese Gäste. Schließlich stand offiziell ein Mal das letzte Spiel im Niedersachsenstadion, das andere Mal das erste in der AWD-Arena an. Dazwischen aber reichte den Roten gegen den bösen Besucher eine eigentlich klare 2:0-Führung wenigstens zu einem Punktgewinn. Aber von denen wollen wir hier auch gar nicht reden, von Leverkusen, Dortmund, Bremen oder Stuttgart, sondern von einem anderen Gesetz der Serie, das endlich gekippt werden muss.

Fortsetzung Stop!

Es gibt nichts Schöneres, als gegen Hertha zu gewinnen.

(Thomas Brdaric bei der Saisoneröffnung)

Kein Verein, der seit dem Wiederaufstieg von Hannover 96 mit in der Bundesliga dabei ist, hat es geschafft, jedes Spiel bei den Roten zu gewinnen. Keiner – bis auf einen.

Zweimal ließ uns Hertha BSC keine Chance. 02/03 traten die Blau-Weißen ganz im Stile zumindest eines UEFA-Cup-Kandidaten an der Leine auf: ein frühes Tor von Goor reichte, danach rannten die Roten an, ohne zu wirklich zwingenden Chancen zu kommen. Ein nicht ganz ungewohntes Bild bei den Heimspielen nach Jahren der Bundesliga-Abstinenz.

Eine Saison später stand die Paarung Hannover 96 – Hertha BSC unter ganz anderen Vorzeichen. Die Berliner pfiffen auf dem letzten Loch, standen seit acht vorhergegangenen Spieltagen nur einmal nicht auf einem Abstiegsplatz und ihr zentraler Mann, Marcelinho, war nur noch ein Schatten seiner Selbst. Aber auch bei Rangnicks Roten schrillten die Alarmglocken nach zwei Niederlagen – darunter eine desolate Leistung beim 1:3 in Rostock - und einem Unentschieden aus den drei Partien zuvor. Das Ende vom Lied: 96 zeigte auch gegen die Hauptstädter eine grausame Vorstellung, baute Sensibelchen Marcelinho mit zwei Torerfolgen auf und ließ den Gast mit drei völlig verdienten Punkten wieder an die Spree reisen. Bezeichnend, dass die Hertha aber schon am nächsten Spieltag wieder in die Abstiegsränge rutschte, wo man noch weitere sechs Runden verblieb, ehe die Rettung auf der Zielgeraden gerade noch gelang.

Vergangene Spielzeit dann traf man in Hannover wiederum in einem ganz anderen Kontext aufeinander: die Gäste auf dem aufsteigenden Ast, mit den internationalen Plätzen schon im Visier, 96 als Mannschaft der Vorrunde auf Platz 4. Und vor allen Dingen: es war der Verteidigungskrieg. Beide Teams hatten bis dahin jeweils nur 15 Gegentore kassiert und stellten damit die besten Hintermannschaften der Liga. Und so wurde dann auch das Spiel. Ein kleiner Fehler in der Deckung der Roten, als Friedrich nicht gestört wurde und Rafael bei dessen Vorlage schneller schaltete als Mertesacker, und das 0:1 war praktisch in Beton gegossen.

Der Schiri tat in der Nachspielzeit noch das Seine, als er den Ausgleich der Unseren wegen angeblicher Behinderung des Torwarts nicht anerkennen wollte – die weithin bekannte Geschichte. Schon 02/03 wurde in dubio pro Berolina entschieden, als nach einem Handspiel Rehmers im Strafraum des BSC das Spiel weiterlief.

                                                                                 

Also, bitte schön, wenn DAS mal keine offene Rechnung ist, die Herrschaften aus der Hauptstadt! Nur weil Euch angesichts der drohenden Champions League das Herz in die Hose gerutscht ist, Ihr uns nicht zu schlagen vermochtet und deshalb „nur“ in den UEFA-Cup eingezogen seid, wird in Berlin ja von Revanche fabuliert. Aber lest einfach weiter, dann wisst Ihr, dass diesmal nichts zu holen ist…

Warum wir 3:0 gewinnen

Seit dem ominösen Wiederaufstieg mussten wir jede Saison mit einem Auswärtsspiel beginnen. 2002 starteten wir beim Hamburger SV furios, gingen früh 1:0 in Führung, mussten am Ende aber die ganze Härte der Fußball-Bundesliga miterleben, als wir in der Schlussphase noch 1:2 verloren. 2004 gingen wir im Auftaktspiel früh durch Tarnats Freistoß-Granate in Front, führten wie in Hamburg bei Halbzeit mit 1:0, verloren am Ende aber durch ein Franca-Tor in der Nachspielzeit mit 1:2.

2003 hingegen erlebte der Hamburger SV sein rotes Wunder: früh gingen die 96er durch Stajner in Führung, Brdaric und Idrissou machten in der Schlussphase den Sack zu. Also: 2002 1:2, 2003 3:0, 2004 1:2, 2005…na? Eben! Gut, mit Mo brauchen wir verletzungsbedingt nicht zu rechnen, aber dafür könnte der damalige Vorbereiter ja für die dritte Bude einspringen: Stajni dürfte ja bis in die Platte motiviert sein, da er eigentlich keinen Stammplatz hat. So darf er sich am Samstag aber empfehlen und von den Ovationen zahlreicher Unverbesserlicher, die ihn zu ihrem Liebling auserkoren haben, ermutigt, zum Mann des Tages aufschwingen. Nein, nein, ROB hätte gar nichts gegen dieses Gesetz der Serie…

Rote Grüße

ROB

P.S.: Das Rote Berlin weiß selbstverständlich, dass es nichts Schöneres gibt, als Hertha zu schlagen. Aber woher will eigentlich der Storch das wissen? Ist wohl scharf auf ´ne Ehrenmitgliedschaft…

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