Ich bin sehr froh, dass wir den Fans endlich wieder einen Sieg präsentieren konnten.
(Ewald Lienen)
Das war ein hartes Stück Arbeit. Gegen einen weiteren Abstiegskandidaten, von denen sie in der Rückrunde nur Gladbach bezwingen konnten, quälten sich die Roten zu einem knappen 1:0-Sieg. In Freiburg spielte man ja noch 0:0, aber gegen Rostock, in Bochum und zuletzt auch Mainz unterlag 96 ja jeweils, ohne auch nur ein einziges Tor dabei erzielt zu haben. Erst der eingewechselte Jiri Kaufman erlöste die Fans gegen die Mannschaft von der Noris, nachdem man vorher wieder eine Reihe hundertprozentiger Torchancen versiebt hatte. Damit hat der Tscheche die letzten drei Tore für Hannover 96 erzielt - in den fünf vergangenen Partien. Davor hatten Stajner und Vinicius gegen Gladbach getroffen, davor wieder drei Null-Nummern usw. usf.
Lustig eigentlich, dass der 1.FC Nürnberg bei jedem seiner Spiele auf fremdem Platz in dieser Saison wenigstens einmal getroffen hat, aber ausgerechnet bei uns nicht. Okay, über weite Strecken agierten die Franken harmlos, aber eigentlich haben sie bei uns in der zweiten Halbzeit ein reguläres Tor erzielt - der Schütze Daun stand nicht im Abseits - und das werden sie wahrscheinlich nicht so lustig gefunden haben, aber zu dem Zeitpunkt wäre eine Führung auch nicht mehr verdient gewesen. In der ersten halben Stunde hingegen hätte man sich als 96-Fan nicht beschweren können, wenn wir in Rückstand geraten wären. Nur wieder mal über die Spielweise.
Den Sand im Getriebe konnte man förmlich aus dem Fernseher knirschen hören, wenn wir mal versuchten, einen Spielzug aufzubauen. Hinzu kam eine enorme Unsicherheit, sodass die Partie weitgehend ereignisarm blieb. Immerhin war eine Steigerung im Engagement jedes Einzelnen zu beobachten, doch wie hieß es so schön in einem alten Werbespot: "Mühe allein genügt nicht!"
Mit zunehmender Spieldauer wurden die Clubberer also zerfahrener und ungefährlicher, während wir uns meist äußerst umständlich dem Tor des Ex-96ers Rafael Schäfer näherten. Warum man nicht - wie Krupi vor dem Siegtreffer - nicht öfter mal aus der zweiten Reihe abzog? Keine Ahnung, wenigstens Altin versuchte es mal, und so nah war er wohl lange nicht an seinem ersten Bundesligatreffer dran. Da Krupi sich meist von der linken Seite dem gegnerischen Tor näherte und nach innen ging, wollte er seinen schwachen rechten Fuß wohl nicht einsetzen.
Erst drei Minuten vor Schluss kam ihm - wohl mangels Anspielstation - die zündende Idee, mal einen Haken zurück zu schlagen. Prompt hatte er den Ball nicht nur auf dem richtigen Fuß, die Bahn war mit einem Mal auch frei - so einfach ließ sich die FCN-Abwehr düpieren, aber bis dahin waren wir eben nicht auf den Trichter gekommen. Den harten, flatternden Schuss konnte Schäfer nicht festhalten und Kaufman war in bester Knipser-Manier zur Stelle. Er hat in letzter Zeit sicher einfachere Dinger nicht gemacht, deshalb wird der Vertrag trotz seiner Quote wohl auch nicht verlängert.
Dabei konnten wir froh sein, ist Hannover 96 doch mittlerweile auf den 16. Platz in der Chancenverwertung abgerutscht. So nahm der Nachmittag doch noch eine unerwartet, aber nicht unverdient glückliche Wendung...
Wir haben genau im richtigen Moment das Tor erzielt.
(Vinicius nach dem Spiel 96-Nürnberg)
Das andere Vereine gerne spät Tore gegen unsere 96er erzielen, haben wir in langen Jahren immer wieder lernen müssen. In unserer ersten Bundesliga-Saison nach dem Wiederaufstieg erschien in der 75. Minute auf Premiere immer folgende Einblendung: "Hannover 96: schon xy Tore in der Schlussviertelstunde - Ligahöchstwert". Das hat inzwischen nachgelassen - das 0:1 von Hargreaves war ja nicht nur 96-Pech, sondern auch eine gehörige Portion Bayern-Dusel und fällt somit nicht zwingend in die gemeinte klassische Kategorie "96 verspielt alles in der Schlussphase".
Auch wir haben durchaus schon spät getroffen, man denke etwa diese Spielzeit an Mertesackers Tor in der Nachspielzeit in Dortmund, oder Mos Treffer gegen Frankfurt (am 32. Spieltag 03/04 in der 89. Minute) und natürlich Stajners Klassenerhalt-Tor 2002/03 am vorletzten Spieltag gegen Gladbach, das nach den Statistiken in der 91. Minute fiel (oder auch 90./+1). Doch in zwei Fällen handelte es sich "nur" um Ausgleichstreffer, bei Idrissous Tor um das 3:0. Es waren also zwar wichtige, aber keine Sieg bringenden Tore - "winning goals", wie sie der Brite nennt. Späte, Sieg bringende Tore, wie das von Jiri Kaufman gegen Nürnberg (87.Minute), sind bei Hannover 96 nämlich dünn gesät, wie eine kleine, persönliche Untersuchung ergeben hat.
In der Saison 2002/03, als die Roten quasi die Greenhorns der Liga waren, gelang ein solches Tor erst, als die Rettung vollbracht war: nachdem Stajner das oben erwähnte Ausgleichstor im vorletzten Spiel markiert hatte, konnten wir glücklicherweise entspannt auf die Bielefelder Alm fahren - und verpassten der Arminia durch Conor Caseys spätes Tor zum 0:1 (85.Minute) den endgültigen K.O. Es war bis zum 01.05.2005 das späteste "winning goal", das Hannover 96 gelang.
Immerhin zwei goldene Tore in der Schlussphase gelangen uns in der vergangenen Spielzeit. Am 5. Spieltag glichen wir bei Hertha BSC einen 0:2-Rückstand aus, ehe Julian de Guzman mit einem satten Schuss von der Strafraumgrenze das entscheidende Tor zum 2:3 erzielte (80.Minute). Dieser Sieg war weitaus verdienter als der 2:1-Erfolg am 11. Spieltag beim 1.FC Köln. Lange Zeit hielt 96 ein schmeichelhaftes 1:1, ehe Stendel bei einem Konter die Nerven behielt und mit einem herrlichen Heber in der 81.Minute für die Entscheidung sorgte.
Diese Saison war uns bisher einmal spätes Glück beschieden: am 6. Spieltag gegen Schalke 04. Durch die Verlegung des Bielefeld-Spiels war es erst die fünfte Saisonpartie der Roten - doch unsere Helden waren schon in Not. Der spät eingewechselte Clint Mathis avancierte zum Matchwinner - auch hier war ein satter Volleyschuss die Ursache. Doch der Treffer in der 83.Minute hatte nicht nur positive Folgen - Cowboy Clint verscherzte es sich nämlich noch auf ewig mit Trainer Lienen durch seinen Torjubel. Das Deuten auf die imaginäre Uhr am Handgelenk und der Griff in den Schritt á la Michael Jackson leiteten den vorzeitigen Abschied des US-Amerikaners bei Hannover 96 ein - auch wenn er später beteuerte, er habe lediglich darauf hinweisen wollen, es sei "fucking time" gewesen ihn einzuwechseln.
In der ersten Saison also ein spätes Siegtor, in der zweiten zwei späte Siegtore und nunmehr also auch zwei - das verlangt natürlich nach kontinuierlicher Steigerung, auch wenn man nach den letzten Vorstellungen attestieren muss, dass Abgeklärtheit und Reife, die solche Treffer augenscheinlich produzieren, bei Hannover 96 im Augenblick nicht gerade prosperieren. Wie dem auch sei: eins nehmen wir auf jeden Fall noch mit - es kann ja auch etwas früher fallen...
Gott sei Dank hat ein Stürmer getroffen.
(Altin Lala über das 1:0 gegen Nürnberg)
Das soll ja auch der alte Herberger gesagt haben, aber bei 96-Fans erhält der Spruch in dieser Spielzeit eine etwas andere Deutung. Das bezieht sich genau genommen nicht nur auf das 1:0, dass Anhänger von Mannschaften, die sich nicht zu den Größenwahnsinnigen der Liga zählen, ja schlussendlich gerne mitnehmen, als auch auf das 0:1 - und überhaupt auf die Häufung dieses Resultats, dass leider auch zuletzt Synonym für schwache Spiele an sich und der Roten im Speziellen war. Immerhin zehn von 31 Malen endete diese Spielzeit eine Partie mit Beteiligung von Hannover 96 1:0 - oder 0:1, wie man möchte.
Denn die Roten zogen dabei siebenmal den Kürzeren. Seit dem 17. Spieltag - also in fünfzehn Partien mit 96-Beteiligung - gab´s achtmal am Ende ein einziges Tor. Dabei siegten die Kontrahenten gleich in sechs Fällen "por la mínima", wie es der Spanier ausdrückt. Kein Wunder also, dass unsere Abwehr im Vergleich immer noch gut da steht - sie ist momentan die drittbeste der Liga, während die eigene Torausbeute der Roten insgesamt die drittschlechteste ist. Bei allein acht Partien ohne 96-Torerfolg (insgesamt schon 13!) in der Rückrunde (bei wiederum bloß acht eigenen Treffern - Absteiger Freiburg kam im gleichen Zeitraum auf zwölf) ist die sportliche Talfahrt im Jahr 2005 also alles andere als verwunderlich.
Angesichts der Sturm-Misere - die sich zuletzt auch noch in einer Reihe verletzungsbedingter Ausfälle (für Stendel ist wegen einer Knie-OP die Saison jetzt ja auch noch vorbei) manifestierte - bleibt wenig Hoffnung für den Rest der Saison. Für die kommende Spielzeit wird ja offensichtlich dann die "große Lösung" angepeilt, obwohl eigentlich laut Präsident Kind nicht viel Geld ausgegeben werden sollte und genügend Zeit zur Sichtung und Verpflichtung günstigerer Spieler - im Volksmund "Talente" genannt - vorhanden gewesen wäre. Thomas Brdaric, Vahid Hashemian, Imre Szabics - "Zwei aus Drei" heißt jetzt angeblich die Marschroute, die wieder ein gehöriges Loch in die Kasse reißen dürfte (der Storch ist angeblich sogar der teuerste von den Dreien!).
Na ja, mal abwarten, bisher steht nur Michael Delura als Neuzugang fest. Der Außenstürmer von Schalke 04 machte mit seiner Vertragsverlängerung bei den Königsblauen den Weg frei für eine Verpflichtung durch Hannover 96 - schöne, neue Fußballwelt! Der 21jährige unterschrieb also erst bis 2008 bei S04 und wurde dann bis 2007 an uns ausgeliehen - sonst hätte sich Schalke quer gestellt (96 will übrigens im "Fall Wallner" vergleichbar verfahren).
Außer dem "Delura-Deal" ist bis jetzt noch nichts Konkretes in Sachen Neuverpflichtungen herausgesprungen. Der letztens hier vermeldete Wechsel eines gewissen Alexander Laas von den Amateuren des Hamburger SV ist nämlich vorerst geplatzt - nachdem er jetzt auch ein Vertragsangebot der Hanseaten hat...
Das wäre ein Volltreffer für Verein und Fans.
(Altin Lala)
Nee, nee, von wegen UI-Cup, den wollen wir ja gar nicht. Und das sagen wir nicht, weil die Quali-Plätze zum "Strohhalm-Pokal", wie dem Fuchs in der Fabel des Äsop die Trauben, unerreichbar sind. Nee, nee, keine Proteste jetzt, von wegen es sind doch nur so und so viele Punkte - wir sagen es ganz offen: 96 ist nicht in der Form, diese Platzierungen zu erreichen. Und wenn doch: wer möchte schon die lange Fahrt auf sich nehmen, um dann sang- und klanglos bei Buducnost Podgorica die Segel streichen zu müssen?
Auch hier gibt es eine große Lösung, die obendrein weit weniger Aufwand verspricht: die Fair-Play-Wertung! Jeder 96-Fan wird inzwischen ja wissen, dass wir in der Bundesliga in diesem Klassement ganz vorne sind (mit nach wie vor drei Punkten vor Bielefeld) und dass unsere Chancen auf einen der dadurch in Aussicht gestellten Teilnahmeplätze für den UEFA-Cup immerhin 1:3 stehen. Wie sich das Ganze errechnet, weiß allerdings kein Schwein - selbst ROB, das Mathe-Genie nicht, aber dafür hat er bei Markus Hauke von der NP (29.04.05) abgeschrieben:
"96 ist dem UEFA-Cup wieder ganz nahe. Grund: Der europäische Fußballverband belohnt die fairsten Teams in Europa mit einem Startplatz im lukrativen internationalen Geschäft. Die Chancen stehen gut: 96 ist die fairste Elf der Bundesliga (...). Für Hannover gabs erst 36-mal Gelb (inzwischen 37-mal; der Verf.) in dieser Spielzeit, das ist Ligabestwert. Dazu einmal Rot für Dariusz Zuraw bei der Niederlage in Bremen (0:3). Für Gelb gibts einen, für Rot fünf Punkte. Macht insgesamt 41(42; der Verf.), drei Punkte weniger als Bielefeld (Abstand ist gleich geblieben, weil BI auch eine Gelbe in Bremen kassiert hat; der Verf.).
Bleibt 96 bis Saisonende in der Liga-Fairnesswertung vorn, kommt die UEFA-Fairplay-Tabelle ins Spiel. Dort werden mittels eines Koeffizienten die fairsten europäischen Nationen ermittelt. In die Wertung fallen neben den Karten auch das "Verhalten von Team-Offiziellen und Fans, positives Spiel sowie Respekt für Gegner und Schiedsrichter" (UEFA-Kriterien). Die Fairplay-Wertung endet am 31. Mai. Der Erste (zurzeit Norwegen) bekommt direkt einen Platz im UEFA-Cup zugesprochen, zwischen den folgenden Nationen mit einem Fairplay-Koeffizienten von 8,0 oder höher werden zwei weitere Startplätze Anfang Juni verlost. Neben Deutschland (Rang sechs) erfüllen im Moment nur fünf weitere Nationen die UEFA-Bedingungen. Macht eine Chance von 1:3 für 96, nächste Saison international zu spielen."
Alles klar? Na ja, trotzdem Danke, Markus! Auf jeden Fall schön die Füße still halten, immer schön höflich auf - und neben - dem Platz sein und dann schön in den UEFA-Cup einziehen. Da fliegt 96 dann zwar auch schön in der 1. Runde raus, aber wenigstens schön stilvoll im Konzert der Großen. Zum Beispiel schön gegen Werder Bremen...
Wir werden uns nicht zurückhalten. Man kann aggressiv rangehen, ohne eine Karte zu kriegen.
(und schon wieder Altin, einziger 96-Gelbsünder gegen Nürnberg, vor dem Spiel gegen den FCN)
Gut, dass wir die Ernte schon im Herbst eingefahren haben und nicht jetzt noch auf jeden Zähler angewiesen sind. Andererseits gibt es nicht wenige, die gerade deshalb fürchten, dass die Roten gegen Nürnberg ihre letzten Punkte für diese Saison verzeichnet haben. Zu krass erscheint der Unterschied zwischen den Unsrigen, die sich im ambitionslosen Mittelfeld eingependelt haben, und ihren letzten Gegnern: Stuttgart, Hamburg und Berlin spielen alle noch um internationale Plätze - genau genommen die Champions League-Ränge, die viel Geld und eine stabilere Zukunft versprechen.
So etwas macht manchen Profis Beine - und manchem Verantwortlichen wirre Gedanken. "Den Gegner schwindlig zu spielen", fordert etwa Stuttgarts Präsident Staudt in seinem Appell vor der Partie am Samstag, während VfB-Trainer Sammer Maßstäbe in punkto Martialität setzt: "Wir müssen Hannover niederbügeln, niederlaufen, niederschießen. Da muss der Torhüter in der Kiste liegen" - Mann, ist der peinlich. Gegenwehr - natürlich im Rahmen der Regeln - von Seiten der 96er wird da zur Charakterfrage
Aber gerade weil die Fans vor allem in Mainz diesen brutal vermissten, sollten die Roten sich nicht frühzeitig hängen lassen, sondern bis zum Ende alles geben, auch wenn es trotzdem zu keinem Punktgewinn reicht. Ein einzelner, mühevoll erzielter Sieg gegen den Club hat da jedenfalls noch lange nichts gut gemacht. So vernehmt die mahnenden Worte, Ihr Roten: Wer jetzt glaubt, verdienten Dank zu haben, der suche schwarzen Schnee und fange weiße Raben!
Rote Grüße
ROB,
der gerne gewollt hätte, dass ihm diese Dichtung gelungen wäre, sie ist´s aber schon vor Jahrhunderten dem Andreas Gryphius...