Spieltechnisch war das okay.
(Ewald Lienen nach dem Spiel in Mainz)
Diese Zeilen sollten eigentlich aus Protest auf dem Kopf stehend erscheinen - aber dann setzte sich die Überzeugung durch, dass man die 96-Fans unter den Lesern ja nicht noch zusätzlich bestrafen sollte. Was sich nämlich am vergangenen Samstag auf Seiten unserer Roten abspielte, war eine Strafe, ja weit mehr als das, eine Beleidigung für die Anhänger von Hannover 96, wo immer sie auch dieses Spiel guckten. Diejenigen, die vor Ort am Bruchweg waren, müssen sich natürlich besonders verarscht vorgekommen sein, aber auch in Berlin, kann ROB bezeugen, bekamen sich verschiedene Besucher des Vereinsheims den ganzen Abend nicht mehr ein, allen voran der Verfasser.
Noch Tage später, beim Schreiben dieser Zeilen, kommt ROB die Wut hoch über diese Vorstellung, die man vielleicht annähernd mit folgenden Attributen beschreiben kann: jämmerlich, erbärmlich, schäbig. Jeder der (in Grün spielenden) Roten verdiente an diesem Nachmittag nicht, die "96" auf der Brust, geschweige denn auf dem Herzen zu tragen. Uninspiriert und leidenschaftslos trabte unser Team volle 90 Minuten über den Rasen, egal bei welchem Zwischenstand - eine Schande. Selbst Robert Enke, den vielleicht am wenigsten Schuld traf, hätte seine Vorderleute mal kräftig zusammenstauchen bzw. anfeuern können - von den Feldspielern nämlich jeder auf Tauchstation.
Und das gegen einen Gegner, der vom Abstiegsgespenst nicht angespornt, sondern wie gelähmt in die Partie ging. Mainz hatte die Hosen voll, ein leichtes Ausatmen hätte genügt, um die Klopp-Elf umzupusten. Doch von uns wollte ja niemand - einen Schritt vor, drei zurück. Dass wir deutlich mehr Ballbesitz hatten (58 %), ist dabei überhaupt kein Wunder, sondern bestätigt nur die Eindrücke vom Spiel. Die 05er waren eigentlich noch schwächer als Bochum zwei Wochen zuvor - es lief genau so wenig zusammen, aber sie waren zusätzlich derart gehemmt, dass sie nicht mal Kampf als probates Mittel einzusetzen wussten. Jeder andere Bundesligist hätte dieses Team auseinander genommen.
Man fragt sich wirklich, wie viele Spieler in unseren Reihen kapiert haben, wie sehr sie vor allem die Fans mit so einer Vorstellung blamieren. Keinen Mumm, keine Eier, keinen Arsch in der Hose und dann noch als Sahnehäubchen ein Superriesen-Abwehrfehler, der die endgültige Entscheidung für den Gastgeber ermöglichte, der wiederum überhaupt nicht wusste, wie ihm geschah. Der einzelne Mainz-05-Fan, dem wir im Vereinsheim freundlicher- oder im Nachhinein dummerweise Asyl angeboten hatten, feierte fröhlich feixend den Erfolg der Seinen, während wir fassungslos auf den Bildschirm starrten. Nur mal als kleiner Beleg: die Mainzer erhielten in ihrem "Schicksalsspiel" gerade mal eine Gelbe Karte (die für den Ex-Hannoveraner Niclas Weiland nach Angehen des Schiris eigentlich eine Rote hätte sein müssen), 96 überhaupt keine!
Mit einer Hinrunde wie 2002/03 stünden wir jetzt punktgleich mit Hansa Rostock, mit einer wie letzte Spielzeit nur einen Zähler vor dem VfL Bochum - und wären wohl nicht mehr zu retten. Lässt man die fünf Siege aus dem Oktober 2004 mal aus der Tabelle und veranschlagt für sie den Punktschnitt der 96er in den übrigen Spielen, lägen wir bei 28 Punkten schon hinter dem VfL. Aber das sind alles Milchmädchenrechnungen - den Roten wäre auch zuzutrauen, als erster Bundesligist mit 38 Punkten noch abzusteigen. Bei der Tabellenkonstellation ist das allerdings nahezu ausgeschlossen...
Und damit hier keiner glaubt, ROB schreibt sich mal den Frust von der Seele, aber eigentlich war das alles nur halb so schlimm, der bekommt hier in voller Länge den Spielbericht von Jutta Heeß aus der "taz", der auf wunderbare Weise den Spielverlauf beschreibt - so viel Fachkenntnis hätte der Verfasser der Tageszeitung gar nicht zugetraut... (Titel siehe oben)
Die einen engagiert, aber nervös, die anderen passiv: Am Ende gewinnt Mainz gegen Hannover - irgendwie
Die letzten drei Spiele von Hannover 96 waren allesamt sehr bedeutsam - allerdings jeweils für die gegnerischen Mannschaften: Zuerst trugen "die Roten" durch eine 0:1-Niederlage in Bochum dazu bei, dass das Team von Trainer Neururer erneut Hoffnung im Abstiegskampf schöpfte. Dann folgte das Heimspiel gegen die Bayern mit einem späten Tor für die Münchner und der daraus resultierenden fast sicheren Meisterschaft. Und nun bringt Hannover den Aufsteiger aus Mainz einen riesigen Schritt näher in Richtung Klassenerhalt. Die 96er also, nach einer glänzenden Hinrunde, nun unfreiwilliger Meistermacher und Rettungssanitäter in einem?
Zumindest sah es bei der Begegnung im Mainzer Bruchwegstadion so aus, als spielte Lienens Truppe eher für die Gegner und gegen sich selbst .Die 0:2-Niederlage geschah ihnen recht - was aber nicht an starken Mainzern, sondern an passiven Hannoveranern lag . Denn den Rheinhessen merkte man die brenzlige Situation - nur zwei Punkte Abstand zum Abstiegsplatz - an. Von ihrer gewohnten Offensiv-Stärke im eigenen Stadion war ja bereits bei der letzten Heimniederlage gegen Wolfsburg nichts zu sehen. Mainz war zwar engagiert, aber nervös, Hannover hingegen kickte uninspiriert. Was dazu führte, dass die 20.300 Zuschauer eines jener Spiele sahen, bei denen der Eindruck entsteht, der Ball sei eine heiße Kartoffel, die keiner will. Bezeichnend für diese kollektiven Fehlpässlichkeiten war folglich auch die Entstehung des ersten Treffers: Der Abstoß des Keepers Enke landete irrtümlich bei einem Mainzer, worauf sich ein strammer Schuss von Mathias Abel anschloss, den Enke nur zur Ecke lenken konnte. Den Eckball erwischte Abel dann besser, dieses Mal mit dem Kopf, und erzielte in der 23. Minute die Mainzer Führung. (übrigens war Stajner der Gegenspieler des besagten Abel, der Verf.)
Trotz des 1:0 und auch nach dem Seitenwechsel entspannte sich das Spiel der 05er nicht, was man vielleicht am besten an einer vergebenen Riesenchance erkennen konnte: Cottbus-Ausflügler Michael Thurk, der Mainz zum Aufstieg schoss, drosch frei und unbedrängt vor dem Tor stehend den Ball in die Wolken. Doch die Unsicherheit darf man den Bundesliga-Neulingen nicht übel nehmen, zumal sich Hannover nur wenige klitzekleine Chancen erspielen konnte. Und: Sie setzten dann doch noch einen drauf. Fabian Gerber, Ex- und möglicherweise Bald-Hannoveraner, stiebizte (sic!) sich den Ball im Strafraum und trickste Merstesacker, Cherundolo und Zuraw sowie Torwart Enke aus.
Wenn schon nicht besonders schön, dann ist der 2:0-Sieg der Mainzer allemal verdient. Dank des Statisten bei wichtigen Entscheidungen in der Liga, Hannover 96. "GeMainzam" - wie auf einer Werbefläche im Mainzer Stadion prangt - mit solchen Gegnern (sowie den verlierenden Rostockern und Bochumern) dürfte der Klassenerhalt von Jürgen Klopps Team eigentlich gebongt sein.
Wie gesagt, der Robert Enke soll hier mal außen vor bleiben. Es geht also los mit Steven Cherundolo: unser Kapitän ist durchaus in der Lage - wie in Wolfsburg - mit Kampf und Einsatz voran zu gehen. Bisweilen schießt er dann zur Schädigung der Mannschaft auch mal über das Ziel hinaus. Beides tat er diesmal allerdings nicht, war genau so ein Mitläufer und: als einer der "Routiniers" bringt er es überhaupt nicht, den Mitspielern Feuer unter dem behäbigen Arsch zu machen.
Zusammen mit Mertesacker und Zuraw, die über weite Strecken zumindest Dienst nach Vorschrift ablieferten, produzierte er dann den entscheidenden Bock: war vergangene Saison beim 1:2 in Wolfsburg noch Zurandolo das Schreckgespenst, so darf man nun Per noch getrost mit ins Boot holen und Zurandolocker heißt der neue Frankenstein - oder Merzurandolo, das kann der Leser ROBs wegen per TED abstimmen (aber nicht missverständlicherweise beim Konfuzius unter den Fußballweisen anrufen...!). Welch ein epochaler Lapsus in einer 3:1-Situation für uns, in der der Mainzer Gerber sich von allen am weitesten weg vom Leder befand. Der Gipfel unseres ideenlosen, uninspirierten Auftritts - vielleicht hat sich der Fabian damit ja wenigstens auf Lienens Notizzettel geschossen...
Kommen wir zu Tarnat: der Kerl ist ein bloßes Ärgernis. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum sein Fehlen zuletzt immer bemängelt wurde. Tarnat ist keine Verstärkung für 96 und wird auch keine mehr. Für lange Wege über neunzig Minuten ist er zu alt, schwächelt dadurch in der Defensive und schlägt - obwohl seine Seite zuweilen bis zur gegnerischen Grundlinie offen ist - seine Steinzeitflanken von der Mittellinie hoch vor den 16er, wo niemand etwas mit ihenn anfangen kann. Warum "Tanne" sich trotz zuletzt gehäufter körperlicher Probleme darauf versteift, seinen Vertrag bis 2006 erfüllen zu wollen, ist ein Rätsel - er sollte einfach aufhören. Schließlich kommt selbst seine Erfahrung und Routine irgendwie nicht zum Tragen - es sei denn, sie äußert sich darin, auch bei einem Rückstand die Ruhe zu bewahren und weiter seinen Stiefel zu kicken. Nach dem Spiel mokiert er sich dann öffentlich über den schwachen Auftritt der Mannschaft - als gehöre er nicht dazu. Vielleicht mal besser vor der eigenen Tür kehren.
Im defensiven Mittelfeld haben sich unsere ehemaligen Topspieler de Guzman und Lala zu kopflosen Kämpfern entwickelt. Altin geht zwar nach wie vor keinem Zweikampf aus dem Weg, müsste aber auch mal seine eigenen Leute anscheißen, wenn das Spiel nicht läuft. Guzzy ist seit seiner Vertragsunterschrift in Spanien sowieso nicht mehr der alte, inzwischen rennt er nur noch durch die Gegend und scheint nicht mehr zu wissen, wo das eigene bzw. gegnerische Tor sich befindet. Seine Solo-Einlagen enden meist zwanzig Meter hinter ihrem Ausgangspunkt, die Pässe landen im Niemandsland.
Krupnikovic hatte zuletzt wenigstens ab und an lichte Momente, in Mainz war auch er unter aller Kanone, pomadig und mit lange nicht gesehenen schlechten Pässen. Schröter ist auf der rechten Seite nur noch ein Schatten seiner Selbst, was wir auch mal seiner Verletzung zuschreiben wollen. Seine ihm zugedachte Rolle als Offensivmotor und eventuell gar Torschütze ist aber eine Nummer zu groß für ihn. Jiri Kaufman fehlt in der Mitte die extreme Torgefährlichkeit, um - meist allein auf weiter Flur - die gegnerische Deckung geschweige denn das Tor in Bedrängnis zu bringen.
Und, schlussendlich, soll über Jiri Stajner eigentlich gar kein Wort mehr verloren werden. Wer sich noch für ein Bleiben des Tschechen ausspricht, kann nur ein Narr sein - in geschätzt 15 % seiner Spiele für die Roten eine gute bis sehr gute Partie gemacht zu haben, ist viel zu wenig. Wer immer noch auf seinen Durchbruch wartet, sollte Weihnachten lieber weiter aufs Christkind warten. Dass er uns mal mit einem Tor die Klasse gerettet hat, war zwar schön, aber die Dankbarkeit ist inzwischen drei- und viermal aufgebraucht. Das Beste wäre, seinen Vertrag aufzulösen, solche Spieler helfen uns einfach nicht weiter. ROB ist sich jedenfalls ganz sicher (auch darin, dass er sich Feinde macht), wenn er sagt, er will Stajner nie wieder für 96 spielen sehen.
Überhaupt: mit de Guzman, Krupnikovic und Kaufman standen drei Akteure in der Startelf in Mainz, die nächste Saison nicht mehr für uns spielen. Mit Leandro, Wallner und Barnetta wurden zusätzlich drei Spieler eingewechselt, die das selbe Schicksal teilen. Mit so einer Elf selbst ein Popelziel wie den UI-Cup anzupeilen, hat sich als total unrealistisch erwiesen. Was also soll so eine Scheiß-Aufstellung, muss man den Trainer fragen.
Schmeißt diese Leute aus der Startelf! Wir wollen engagierte Spieler sehen, die zumindest ihre nähere Zukunft bei den Roten sehen. Was ist mit Halfar, Wolf, Montabell, Agac, Demircan, Dietwald, Schinner etc.? Selbst wenn diese Jungs schlechter spielen sollten, wäre ein deutlich größerer Einsatz garantiert - mehr aber erwarten die Fans nicht im Moment. UI-Cup? Scheißegal! Abstieg? Na und?! Hauptsache, wir müssen uns keine satten, abgehalfterten Profis mehr ansehen. Und wie kann man es sich eigentlich in so einer Situation leisten, einen Vinicius in guter Form auf der Bank versauern zu lassen? Und auch "The Big Dabrowski" hätte nach dem, was sich am Bruchweg abgespielt hat, ein Anrecht auf eine Chance.
Oktober 2004: Hannover 96 startet eine beeindruckende Serie, der Klassenerhalt gilt als frühzeitig gesichert. Die von der Vereinsführung anvisierte sportliche Konsolidierung in der Bundesliga scheint erreicht, für die kommende Saison können bereits die Planungen aufgenommen werden. Der Verein scheint die Früchte der ersten harten Jahre zu ernten und scheint auf dem Weg in ruhiges Fahrwasser.
April 2005: nur ein halbes Jahr später stehen die Zeichen an der Leine auf Sturm. Mit einer beispiellosen Negativserie hat sich Hannover 96 bis in den erweiterten Kreis der Abstiegskandidaten manövriert. Der Trainer hat seinen mühsam erarbeiteten Kredit beinahe völlig verspielt, den zwei Abgängen auf wichtigen Positionen stehen keine Neuzugänge für kommende Saison gegenüber. Zwischen den drei Hauptverantwortlichen fliegen die Fetzen, wobei gerade der Präsident den Konflikt in der Öffentlichkeit austrägt. Die lacht sich wieder mal kaputt über den "FC Babelsberg", ach nee, "FC Klein-Hollywood" nannte Manager Kaenzig ja 96 launig.
Der Eindruck, den der Verein nach außen macht, ist dabei alles andere als lustig. Krisenfledderer wie Thiemo Müller vom "Kicker" kriegen laufend eine Steilvorlage nach der anderen präsentiert, und wenn mal nichts aktuelles anliegt, kriegt er seine Farb-Doppelseite, wo er zum wiederholten Male über die ganzen Streiterein der letzten drei Jahre referieren darf, oder er "überredet" Christoph Dabrowski in einem Interview zu drohen, dass seine Qualitäten eventuell woanders eher gefragt seien.
Die Lage ist desolat, keine Frage. Was aber viel schlimmer ist: die Zukunft ist nicht mehr rosarot, sondern pechschwarz. Da die Handelnden aber offenbar hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind, scheint das keiner von ihnen wahrzunehmen. Wer von den Leid geprüften 96-Fans glaubt aber, dass Lienen und Kaenzig trotz des "Burgfriedens" auf Dauer zusammen arbeiten können? Wer glaubt, dass Martin Kind sich tatsächlich aus dem operativen Geschäft zurück zieht und endlich mal ein adäquater Nachfolger wirken kann? Wer glaubt, dass wir nach einem halben Jahr Schlaf jetzt noch auf dem Transfermarkt passende Leute finden für so bedeutende Positionen wie der des Spielmachers oder Torjägers? Wer glaubt dem zu Folge, dass Hannover 96 kein ganz heißer Abstiegskandidat in der kommenden Saison sein wird? Und wer glaubt, ganz unbelassen von den vorhergehenden Fragen, überhaupt, dass Ewald Lienen die nächsten Weihnachten als amtierender 96-Trainer verbringt? Am besten noch zusammen mit Kaenzig als Manager? (Prust!) Und wer, dass also der Rest dieses Jahres nicht von einer nicht enden wollenden Krise unseres Lieblingsvereins bestimmt sein wird?
Es ist einfach zum Kotzen, wie die Roten in diese Situation geraten sind - vor allem Präsident, Trainer und Manager haben für das augenblickliche, beschissene Bild von Hannover 96 gesorgt. Darum sollen sie, nach der Mannschaft, hier auch ihr Fett abbekommen.
Der Verein hat Präsident Martin Kind viel zu verdanken. Der Hörgeräte-Millionär hat 96 auf solide wirtschaftliche Füße gestellt und die Vison Fußball-Bundesliga erfolgreich in die Tat umgesetzt. Auch der Stadionumbau wurde zügig und effektiv in die Tat umgesetzt. Dass der Präsident dabei mehr Technokrat als Fußball-Enthusiast ist, zeigte die brutale Preiserhöhung, die er den Zuschauern während der Bauarbeiten zumutete, und das nur zu einem Minimum eingehaltene Versprechen, die Preise nach Fertigstellung der "Arena" wieder zu senken.
Auch die von ihm ganz unsentimental in die Öffentlichkeit getragene Vorstellung der "Marke 96", die für potenzielle Investoren dringend kosmetischer Operationen bedürfe, schied die Geister. Dass etwa zur besseren Vermarktung das Vereinsemblem in Rot gehalten werden solle, wurde ihm verwehrt. Der neueste Merchandising-Katalog verdeutlicht aber, wieviele Produkte einfach Rot sind (Fahnen, Wimpel etc.) und nur noch das auch nicht ganz alte "Logo" in schwarz-weiß-grün enthalten - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Aber das sind nur Randnotizen. In jedem Fall scheint Martin Kind, der erfolgreiche Unternehmer, der Allmächtige, dem alles gelingt, was er sich vornimmt, geradezu logisch konsequent an dem einzigen zu scheitern, der ihn aufhalten kann: sich selbst. Den sachlich fixierten Vorsatz, er wolle einen Nachfolger finden und sich dann so schnell wie möglich aus dem Geschäft zurückziehen, kann er jedenfalls nicht in die Tat umsetzen. Im Gegenteil: im Moment mischt er sich mehr denn je in die Geschicke des Vereins ein, und dass vor allem über die Presse, systematisch, möchte man meinen, wenn man sich nicht fragen würde: wozu soll das gut sein? Und hinterher wundert er sich ebenso öffentlich, dass seine Aussagen für solchen Wirbel sorgen. Außerdem: die beiden sportlichen Leiter, Kaenzig und Lienen, sind beide seine Wunschkandidaten gewesen. Doch ließ er sich von Lienen wegen des Paunovic-Transfers hinter dem Rücken von Kaenzig über den Tisch ziehen und erklärt die Rückkehr von Thomas Brdaric zur Chefsache - Ansprechpartner scheint in diesem Fall lediglich Kind-Intimus und Hauptsponsor-Chef Carsten "AWD" Maschmeyer zu sein, nicht Lienen oder Kaenzig.
Dabei sollte er sich vielleicht doch langsam Ruhe gönnen, jetzt bliebe er noch weitgehend in guter Erinnerung. Ansonsten könnte er als Achterbahn-Präsident in die Geschichte eingehen...frei nach dem selbstherrlichen Leo-Kirch-Zitat nach dem Auseinanderbrechen seines Premiere-Imperiums: "Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen..."
Ilja Kaenzig, der designierte Kronprinz von Reiner Calmund in Leverkusen, foppte seinen Ziehvater gewaltig mit der Nachricht, es ziehe ihn nach Hannover. Der zwischen den Zeilen hindurchwehende kalte Ehrgeiz gegenüber dem "Gemütsmenschen" Calli versprach in Hannover, dass hier einer bereit steht, der die Lokomotive weiter anzieht, jung, dynamisch, fachmännisch und mit blendenden Kontakten. Doch Kaenzig entpuppte sich als Marsh Mellow Man: in der Troika ist er zwischen Kind und Lienen mittlerweile die schwächste Figur. Bis dato war er es wohl nicht gewohnt, einen Sparkurs zu fahren, bekam doch in Leverkusen jeder Trainer quasi seine Wunschliste abgehakt auf den Tisch zurück.
Dass also Lienen seinen Paunovic-Transfer trotz seiner ablehnenden Haltung beim Präsidenten durchboxt, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Seine harmlosen, bisweilen naiv klingenden Beteuerungen, dies alles stelle doch kein Problem dar, verstärkten nur den Eindruck, dass das Gegenteil der Fall ist. Der von Kind erzwungene Burgfrieden ist dabei eher als Niederlage für Kaenzig zu werten. Das dem Krisengipfel folgende Bild, als Lienen vermeintlich versöhnlich Kaenzig in den Arm nimmt, hat dabei fast eine höhnische Konnotation: seht her, ich habe unseren Puddingriesen immer noch im Griff.
Der hätte, wenn er so dynamisch und konsequent wäre, eigentlich schon längst seine Koffer packen müssen - Kind hat ihn nun schon zum mindesten zweiten Male degradiert, Kaenzigs Verhandlungsposition wird dadurch in Zukunft garantiert nicht besser. Ewald Lienen schätzt ihn angeblich gering wegen seiner mangelnden Aktiven-Laufbahn als Fußballer. Zumindest scheinen seine viel gepriesenen Kontakte nicht das zu halten, was sie versprachen.
Die Tatsache, dass wir mit dem Hamburger Laas (von den Amas) lediglich bislang einen Perspektivspieler verpflichtet haben, ist ein brutales Armutszeugnis. Der avisierte Transfer des Schalkers Michael Delura ist insofern ein Fehlgriff, da der als Außenstürmer nur geringe Torjägerqualitäten besitzt. Wir brauchen aber dringend einen Knipser. Während also Kind an seinem Brdaric-Deal arbeitet, bringt Kaenzig plötzlich Bayerns Hashemian ins Spiel, quasi als Beweis seiner doch vorhandenen Aktivität. Auch der aber wird teuer werden - außerdem wäre der Iraner nicht der erste, der nach ein, zwei erfolglosen Jahren bei Bayern München nicht mehr zu alter Stärke zurückfindet - da braucht man im Alphabet nur etwas weiter nach vorne zu gucken, unter "Hartmann, Frank"...
Bei den meisten Bewegungen auf dem Transfermarkt bisher waren wir aber eindeutig zu inkonsequent - so dass uns die avisierten Kandidaten entweder durch die Lappen gingen oder einfach zuviel Zeit bekamen, um mit anderen Vereinen anzubandeln. Und dass, obwohl wir seit Oktober 2004 wild hätten drauf loskontakten können. Selbst finanziell und sportlich schwächer eingeschätzte Clubs wie Bielefeld, Frankfurt oder München 60 werden im Zusammenhang mit der Verpflichtung interessanter Spieler öfter genannt. Wo ist da Hannover 96? Man muss nur mal den "Kicker" aufschlagen, und schon springen einem die Kandidaten nur so entgegen.
Wie wäre es mit Leuten von designierten Absteigern? Tskitishvili ist ablösefrei, Kruppke, Riether, Iashvili (alle SC Freiburg) zumindest interessant. Bei Rostock wären Lantz (auch schon bei Köln im Gespräch), Möhrle oder di Salvo Kandidaten, von Bochum evtl. Preuß und Misimovic. Bei Gladbach Kluge, Broich, Korzynietz etc. pp. Die Liste ist ellenlang, nicht jeder ist vielleicht der Renner, aber man will doch zumindest sehen, dass wir an EINEM dran sind. Und nicht, dass um den 26jährigen Daniel Bierofka von Bayer Leverkusen - immerhin dreimaliger Nationalspieler - ein Tauziehen zwischen Bielefeld und Köln entbrannt ist...
Oder man schaut mal in die Zweite Liga: da gibt´s z. B. bei Burghausen drei interessante junge Leute, die Mittelfeldspieler Geißler und Bonimeier und den wuchtigen Mittelstürmer Reisinger, die sicherlich das eine oder andere Angebot bereits haben - unseres, da kann man wohl wetten, ist aber sicher nicht dabei.
Vielleicht hat Ilja Kaenzig ja aber auch schon einfach keine Lust mehr? Das wäre fast noch die plausibelste Erklärung für seine mangelnde Aktivität. Immerhin heißt es ja ständig, er müsse sich keine Sorgen um einen Anschlussjob machen. Die besten Referenzen hat er bei uns allerdings nicht gesammelt.
Nach einem Spiel wie in Mainz würde der Trainer jeder Mannschaft in Frage gestellt - und sogar Volker Finke als längst feststehender Absteiger mit dem SC Freiburg und de facto unkündbarer Übungsleiter, wäre wohl rausgeflogen. Das mag übertrieben sein, aber Übertreibung macht die Sache anschaulich. Hat Hannover 96 am letzten Samstag jedenfalls nicht gegen Ewald Lienen gespielt, so ist der Zustand der Mannschaft trotzdem, gerade erst recht und überhaupt desolat - und das betrifft natürlich auch den Trainer.
Und der hat ein Problem: er kann nicht aus seiner Haut. Vermutlich ist er tatsächlich so verbissen und akribisch, wie er immer von der Presse dargestellt wird. Nur einmal ist er kurze Zeit mit den Medien klar gekommen: das war, als er in der Hinrunde nach dem Bielefeld-Spiel vor der Entlassung stand, sich selbst plötzlich zurücknahm und Ausgemusterten wie Krupi & Co wieder eine Chance und sich selbst locker und milde gab. Die Crux daran: in dieser Zeit hatte Hannover 96 den größten sportlichen Erfolg. Aber Lienen ändert sich nicht generell, er konnte lediglich kurze Zeit das neue Image aufrecht erhalten.
Dann kochte der Fall Sousa wieder hoch, Thomas Christiansen wurde von ihm demontiert und der Fall Paunovic sorgte schließlich für den endgültigen Rückfall auf die alten Sympathiewerte. Dabei war der Streit mit Ricardo Sousa noch am ehesten nachzuvollziehen, wollte der sich doch nicht an die allgemein verbindlichen Regeln halten. Auch wenn Begriffe wie "Körperfettwerte" und ähnliches einen faden Beigeschmack haben - der Portugiese war offensichtlich nicht willens, gegen sein schlechtes Standing durch gute Leistungen anzugehen.
Thomas Christiansen, ehemaliger Torschützenkönig, wurde vom Trainer hingegen in ein taktisches Korsett gesperrt, an dem kein Stürmer der Welt richtig Freude finden kann: meist als alleinige Spitze mit der Verpflichtung, weit nach hinten mitzuarbeiten. Der Spanier beschwerte sich irgendwann öffentlich, da er obendrein immer weniger Einsatzzeiten bekam. Das geht mit Lienen natürlich überhaupt nicht: daher gab es eine saftige Geldstrafe inclusive anschließender Versöhnung. Christiansen durfte zwischenzeitlich öfter ran, dann verschwand er plötzlich wieder aus der Startelf, zum Teil landete er gar auf der Tribüne. "Elefant" Lienen konnte offensichtlich nicht vergessen geschweige denn verzeihen - wie etwa schon im Fall Mathis.
Seither wird der ehemalige TORero mit sporadischen Kurzeinsätzen systematisch degradiert, spielt inzwischen auch so, als habe er keine richtige Lust mehr. In Ordnung, wenn einer sich im Leistungstief befindet - gleiches Recht für alle. Was aber geschah mit Lienens Wunschspieler Veljko Paunovic? Ohne Spielpraxis und ausreichende Fitness bekam er sofort einen Stammplatz und durfte diesen einige Spiele behalten, obwohl seine Wirkung auf dem Platz nicht besonders ins Gewicht fiel. Das konnte dann niemand verstehen, was da in dem Kopf von Ewald Lienen vorgehen muss - die Entfremdung zu Fans und Presse begann wieder zu wachsen, der Erfolg bleibt inzwischen auch aus.
Das geflügelte Wort, dass Lienen kein Trainer für annähernd zwei Jahre sei, macht um so häufiger die Runde. Er verzieht sich nun wieder ins Schneckenhaus oder fängt gar an, Leistungen wie in Mainz schön zu reden. So sieht er aus, der Anfang vom Ende. Nur: wer macht es besser? Namen wie Röber, Toppmöller oder gar Eilts - diese wurden von NP-Lesern u.a. genannt - versprechen doch ebenso wenig Erfolg. Und dass immer noch viele Rangnick nachweinen, liegt wohl an Amnesie - mit dem haben wir zuletzt auch bloß Katastrophenfußball gespielt, nicht mal mehr getroffen und verloren - so wie jetzt.
Das Problem ist, dass Lienen ja gerade erst seinen Vertrag verlängert hat, zu einem Zeitpunkt, als alle damit einverstanden zu sein schienen. Eine Entlassung dürfte damit ein teurer Spaß werden und wäre gleichzeitig mal wieder ein Gesichtsverlust für Präsident Martin Kind. Dieses wird also wohl nur das allerletzte Mittel sein - wenn die Karre richtig brutal in der Scheiße steckt, also voraussichtlich im Herbst, wenn wir nach einem Fehlstart feststellen müssen, dass wir mit unserer nicht verstärkten Mannschaft keine Bundesligareife besitzen - womit wir dann wieder da wären, wo wir drei Jahre vorher begonnen haben: keinen Schritt weiter!
VVor vierzehn Tagen wurde ROB zu einem Grillfest an diesem Wochenende eingeladen. Die Reaktion war wie immer: das Rückenmark spuckte aus, dass Ausflüge am Wochenende während der Saison natürlich nicht gehen, weil da spielen ja die Roten.
Nun hat das Spiel in Mainz tiefe Wunden hinterlassen. Jeder 96er, der am Sonntag gegen Nürnberg ins Stadion geht, wird das Gefühl, er müsse ein Trottel sein, so stark wie lange nicht mehr haben. Und ROB kennt einige, die hingehen und ihm nicht widersprechen würden. Dass die Mannschaft einem solche Gefühle zumutet, ist schlimm genug und sollte ihr vielleicht mal einer sagen.
Nach dem 0:1 vom Samstag aber verfolgte ROB neben den vielen depressiven Gedanken, die der Leser hier nachlesen konnte, ein weiterer, der sich erst hinter der ganzen Wut versteckte, sich dann aber ganz zart bemerkbar machte, ehe ROB dieses Gedankens gewahr wurde. Doch dann wurde ihm plötzlich ganz warm ums Herz, so aufregend, ungewöhnlich und geradezu revolutionär entpuppte er sich, dieser Gedanke, ROB verspürte richtiggehend eine Erleichterung und er begann, leise vor sich hin zu flüstern: "Warum eigentlich? Bzw. warum nicht?" Immer und immer wieder, schließlich begleitete er die Fragen mit einem immer hysterischer werdenden Kichern und er fühlte tief in sich ein unbeschreibliches Gefühl der Befreiung.
Dabei war die Frage eigentlich ganz einfach: wieso kann man am Wochenende keinen Ausflug machen? Lass die doch ohne Dich spielen! Hast ja gesehen, wie sehr die Mannschaft an Dich gedacht hat in Mainz. Nahm denn vergangenen Samstag der Wunsch, die freie Zeit besser, erholsamer, einfach mit höherer Lebensqualität zu verbringen, nicht schier unermessliche Größe an? Gesagt, getan: ROB nimmt Teil an dem Ausflug!
In Hannover wird das zwar in etwa so von Interesse sein, als wenn in Brandenburg ein Ausländer verprügelt wird, aber ROB tut´s trotzdem: und zwar nur für sich selbst, aus Gründen der Selbstachtung, reiner Selbstachtung. Schönes Wochenende allerseits!
Rote Grüße
ROB
P.S.: Bei all der Schwärmerei ist leider die Tatsache in den Hintergrund geraten, dass das 96-Spiel ja erst Sonntag stattfindet - und ROB dann ja wieder in der Stadt wäre, und das Vereinsheim nur so gerade um die Ecke, und durchaus wahrscheinlich der Suchtfaktor plötzlich auftritt und er doch...eins sei hier aber schon versprochen, liebe Anwesende vom kommenden Sonntag: noch so ein "Mainz-Spiel" in ROBs Anwesenheit, und der Spitzname "Rumpelstilzchen" ist Vergangenheit - dann werden diejenigen, die sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können, ROB nur noch "den Hulk" nennen...