ROBs Gedanken

81. Ausgabe
24. / 25. Spieltag 2005

Au Backe!

Das war zuletzt scheiße, natürlich!
(Altin Lalas Resümee der Rückrunde von Hannover 96)

Um das wahre Ausmaß dieser Niederlage zu dokumentieren, lassen wir mal folgende Zahlen sprechen: der 1:0-Erfolg von Hansa war der erste Sieg der Rostocker seit einem knappen halben Jahr – am 16. Oktober 2004 gelang ebenfalls ein 1:0 beim VfL Bochum. Danach blieben die Ostseestädter in fünfzehn Spielen ohne dreifachen Punktgewinn, verbuchten sechs Unentschieden (also sechs von 45 möglichen Zählern) bei einem Torverhältnis von 9:33 und blieben dabei nur in zwei Spielen ohne Gegentor (jeweils 0:0 zuhause gegen Freiburg und Gladbach). Für Trainer Jörg Berger war es der erste Sieg mit seiner "neuen" Mannschaft im elften Spiel. Und zum ersten Mal in dieser ganzen Saison gelang den Rostockern ein Tor in der ersten halben Stunde. Und das Ganze gelang ihnen ohne die letzte Woche befürchtete Unterstützung des Schiedsrichters, der zwar viel zu spät gegen den nickligen Torschützen Prica Gelb zeigte – da hätte er eigentlich schon die Ampelkarte sehen müssen – was aber wohl auch keine weitere Auswirkung auf den Spielverlauf gehabt hätte.

Doch nun zu unseren Helden: seit Ende der Winterpause nur ein Sieg (in Bielefeld) und ein Unentschieden (in Freiburg), 3:12 Tore und vier von 21 möglichen Punkten erzielt. Das bedeutet den letzten Platz in der Rückrunden-Tabelle, Wolfsburg, Mainz und Nürnberg haben da zumindest noch ein besseres Torverhältnis als 96, und die Abstiegskandidaten Freiburg (5), Rostock (6) und Bochum (6) haben allesamt mehr gepunktet. Das 0:1 bedeutet gleichzeitig die fünfte Heimniederlage in Folge, ein Kunststück, das uns in der Bundesliga bisher nur 1985/86 gelungen ist, als wir am Ende dann abstiegen. Beruhigend, dass das diese Spielzeit wohl nicht mehr passieren kann – das schaffen selbst die Roten nicht. Absurd, dass wir sogar noch einen Platz gestiegen wären in der Tabelle, wenn Schiedsrichter "Gaga-Mann" in Berlin nur einen der beiden regulären Hertha-Treffer gegen Kaiserslautern gegeben hätte. Wenn wir uns ran halten, können wir sogar noch den eigentlichen Ewigkeitsrekord von eben Hansa mit acht verlorenen Heimspielen in Serie – aufgestellt zu Beginn dieser Saison – noch auf unsere Haben-Seite bringen. Viel mehr scheint diese Spielzeit nicht mehr zu gehen.

Allein die mickrigen drei Treffer, die wir 2005 erzielt haben (davon ein Krupi-Elfer gegen den BVB), sind Abschreckung genug. In neun der bisherigen 24 Partien blieb 96 ohne eigenen Torerfolg, das "passierte" nur Rostock und Freiburg öfter. Jetzt aber hält auch die rote Abwehrmauer nicht mehr dicht – wie schon beim Punktspiel in Schalke resultierte das Tor des Tages aus einem Freistoß aus dem Mittelfeld, der hoch und weit in unseren Strafraum getreten wurde. Dennoch kam auch am Samstag der Abwehrspieler nicht richtig bzw. rechtzeitig zum Ball (Tarnat). Ganz zu schweigen von dem uninspirierten Kick, der die Aufholjagd darstellen sollte – aber ab sofort wird ja alles anders, denn Hannover 96 hat ja jetzt wieder...

Ein Ziel, zwo, drei, vier!

Wenn wir einfach so weitermachen, verlieren wir zehnmal und bleiben trotzdem in der Liga.
(Ilja Kaenzig)

So äußerte sich unser Manager zum Rezept von Altin Lala, die Roten müssten jetzt erst mal so schnell wie möglich 40 Punkte holen. Und so wurde auch von Seiten des Präsidiums zu einem Krisengipfel gebeten, mit dem Resultat, dass der Verein das erreichen eines UI-Cup-Platzes (also irgendwo zwischen Platz sechs und neun) für den Rest der Saison ausgibt, um dem rapiden sportlichen Verfall Einhalt zu gebieten. Fragt sich natürlich, ob man Profi-Sportlern solche Ziele vorgeben muss, zumal Trainer Ewald Lienen dementiert hat, dass er intern nur das "Denken von Spiel zu Spiel" propagiert, sondern die Seinen immer wieder auf das internationale Geschäft geeicht habe.

Also bloß eine Zielsetzung für die Öffentlichkeit? Etwa für uns, die Fans? Das wäre so offensichtlich wie fadenscheinig und würde damit umgehend den psychologischen Schub für die Mannschaft – mit dem ja auch bloß spekuliert wird – verpuffen lassen.

Wie sagte doch Friedhelm Funkel dereinst: "Die Lage ist bedrohlich, aber nicht bedenklich!" Nachzuvollziehen ist, dass eine Mannschaft, die bis auf wenige Ausnahmen 2 ? Saisons in der Bundesliga mitten im Abstiegskampf gesteckt hat, die Zügel ein bisschen lockerer fasst, seit sie sich für dieses Jahr aus dem Schneider wähnt. Diesen Punkt hätte man beizeiten bemerken müssen, um neue Anreize zu setzen – durchaus. Doch ob diese auch gefruchtet hätten, wer weiß das schon. Fakt ist, dass das Team mit dem Ende der Hinrunde bereits offensichtlich ins Grübeln gekommen ist – wozu es eigentlich keinen Anlass gegeben hat – und dann über die Winterpause völlig den Plan und vor allem das Selbstvertrauen der Hinserie eingebüßt hat. Kommen dann noch etwas Verletzungspech sowie unglückliche taktische Maßnahmen (Dreierkette gegen Bremen, schwerpunktmäßige Verlagerung auf den Pokal mit "A-Elf" und "B-Elf", Missstimmungen zwischen den drei wichtigen Personen Kaenzig, Kind und Lienen) dazu, gerät die ganze Angelegenheit ins Schlingern.

Nun also offiziell: UI-Cup! Na schön, dann also UI-Cup, aber was denn, wenn wir ihn wirklich erreichen? Mit dem ohnehin knapp besetzten Kader gewissermaßen den Sommer durchkicken und mit dicken Beinen in die Bundesliga-Saison starten? Da könnten wir dann gleich wieder Lehrgeld bezahlen. Andererseits ist Kaenzigs Befürchtung nicht unberechtigt. Für die zwei eventuell noch zu vergebenen Plätze – Leverkusen als Siebter ist ja bereits sieben Punkte weg – kommen derzeit aber mindestens fünf Mannschaften in Frage, von denen 96 im Moment nicht gerade die beste Prognose besitzt.

Aber natürlich, wenn´s dann so weit wäre, würden wir selbstredend die Europa-Karte auspacken und zumindest mal nachsehen, wo denn etwa Chalkidona, Jablonec, Zalaegerszeg oder Rio Ave liegen. Dennoch bleibt der Wettbewerb doch mit seinem Image der früheren "Intertoto-Runde" weit hinter dem UEFA-Cup zurück, und die Chance, sich für den selbigen zu qualifizieren, ist äußerst gering. Und last but not least: im Ernstfall kriegen wir sowieso wieder Werder zugelost...

Who the fuck is Trezeguet?

Apropos internationales Geschäft: wer hat eigentlich am Mittwoch das Spiel Juventus gegen Real gesehen und angesichts des Turiner Führungstreffers nicht gedacht, dass er das irgendwo schon mal und vor allem viel besser und schöner, ja eben geradezu perfekt gesehen hat. Für alle, die´s nicht verfolgt haben, hier mal in Steno: Juve flankt ca. dreißig Meter vor dem gegnerischen Tor von der rechten Seite weit auf den langen Pfosten, dort legt ein Mitspieler per Kopf nach innen und David Trezeguet befördert den Ball akrobatisch, aber nicht sonderlich elegant per Rückzieher über Madrids Torwart Casillas ins Tor. Na, klingelt´s? Na klar – Relegationsspiel 96 gegen TeBe 1998, 82. Minute, Carsten Linke bringt die lange Flanke per Kopf nach innen, Milo legt sich instinktiv in die Waagerechte und lässt Gurko mit seinem Fallrückzieher – so geht das, Monsieur Trezeguet! – ganz alt aussehen. Der Rest ist Geschichte und ganz bestimmt auf einem Lehrvideo von Fabio Capello festgehalten...

Ekel Ewald?

Tanne, es ist schön, dass Du wieder da bist, aber bitte halt´ die Fresse!
(Ewald Lienen laut "Kicker" letzter Woche zu Michael Tarnat)

Für viele 96-Fans lag der Schlüssel zum Erfolg der Hinrunde im Umdenken unseres Trainers – kaum war der von seiner harten Linie abgekehrt, kamen die Roten in Schwung. Nun häufen sich die Irritationen wieder, und der Erfolg bleibt aus – wobei noch nicht schlussendlich bis Redaktionsschluss geklärt werden konnte, welche der beiden Tatsachen zuerst aufgetreten ist.

Halten wir mal fest: Thomas Christiansen lässt Lienen beispielsweise seit Beginn der Rückrunde wieder am langen Arm verhungern, nachdem sich die beiden angeblich ausgesprochen hatten und der TORero zum Ende der Hinserie gute Spiele auch nach des Trainers Vorstellung ablieferte. Ein weiterer Beweis für den als ewig nachtragend geltenden Sportlehrer, hatte sich Christiansen bei seinem ersten Streit ja auch öffentlich geäußert? Gut, der dänische Spanier hat zum Teil auch nicht geglänzt – gegen Hansa konnte er seine Chance nicht wirklich nutzen – aber ihn auf die Tribüne zu setzen, kommt einer Demontage gleich. Nunmehr droht ihm ein ähnliches Schicksal wie Clint Mathis, dessen Verfehlung in der "Fucking-Time"-Affäre ja aber offensichtlich war, während Christiansen eher als pflegeleichter Profi gilt.

Mit Jung-Nationalspieler Per Mertesacker versteht sich unser Coach offensichtlich auch nicht mehr so richtig, machte dessen Auswechslung in der Schlussphase gegen Rostock doch wenig Sinn, da sein Nebenmann Zuraw sichtlich angeschlagen weiter spielte. Auch Per hatte öffentlich dementiert, dass ihm der Ausflug zur Nationalelf geschadet habe, obgleich er im folgenden Punktspiel in Freiburg wegen eines Schwächeanfalls bzw. Achillessehenproblemen aussetzen musste. Lienen verordnete sogleich eine Ruhepause, die man auch als Denkanstoß verstehen kann.

Hingegen lässt er Zuraw trotz deutlicher Formschwäche spielen, obwohl etwa Vinicius zuletzt gute Vorstellungen abgeliefert hat, und die zwar nicht ausgesprochene, aber faktische Stammplatz-Garantie für Pausenzugang Paunovic nimmt inzwischen schon possenhafte Züge an. Ein Ausspruch wie der obige dürfte obendrein, wenn auch bloß im Training gefallen, dem vor der gesamten Mannschaft brüskierten Spieler auch nicht gerade schmecken. Bleibt der Erfolg dann aus, kommt Unruhe in den Verein, dann stehen solche Sprüche natürlich auch in der Zeitung. Sie kommen in der Tat beim Training sicherlich auch öfters vor, können aber beim Leser natürlich auch den Eindruck eines zerstörten Verhältnisses zwischen Trainer und Team erwecken.

Vielleicht ist das mit der Veröffentlichung aber auch beabsichtigt. Ewald Lienen wird seinen Ruf jedenfalls nicht mehr loswerden, das weiß er, das wissen wir und das würde die Presse wahrscheinlich auch nicht mehr zulassen. In sportlich schwierigen Zeiten wie diesen vermischen sich dann Missverständnisse, Vorurteile und Empfindlichkeiten zu einem Gemisch, das auf Dauer brisant werden kann. Bei aller Schwierigkeit, die Lienen mit seinem öffentlichen Auftreten besitzt, muss man ihm allerdings auch attestieren, dass er immer wieder Äußerungen von sich gibt, die nur wenige im Fußballgeschäft so tätigen würden. So sei hier mal wörtlich zitiert aus dem "Kicker"-Interview vom Donnerstag, dass Redakteur Thiemo Müller erstaunlich unreißerisch geführt hat – im Angesicht mit dem bisweilen bissigen Ewald ist man vielleicht vorsichtiger.

Jedenfalls ging es auch um Ricardo Sousa, der – im Moment nach Holland ausgeliehen – gesagt haben soll, unter "diesem Trainer" nie wieder spielen zu wollen. Darauf angesprochen antwortete Lienen: "Er kann sich vor mich hinstellen und behaupten, dass er unter mir nicht mehr spielt. Dann zahlt er 5000 Euro und muss trotzdem spielen, wenn ich ihn aufstelle. Heutzutage hat kein Profi das Recht, so etwas von sich zu geben. Wir haben Millionen Arbeitslose. Und dann kommt einer, weil man ihm die Wahrheit ins Gesicht sagt ( das bezieht sich auf den Vorwurf mangelnder Fitness, der Verf.) und erklärt, er spielt nicht mehr. Aber Gehalt und Ablöse durften wir bezahlen. Nicht mit mir!"

Und da haben wir alle den Ewald dann doch wieder lieb – zumindest ein bisschen...

Wer den Schaden hat...

Wir haben uns gegen Gegner, die sicher nicht besser sind als wir, so eine Scheiße eingebrockt und eine grandiose Saison wegnehmen lassen.

Im gerade zitierten Donnerstag-"Kicker" wird vor der Partie Wolfsburg gegen Hannover auch auf die miserable Rückrunden-Bilanz beider Teams Bezug genommen: "In der Vorrunde top, dann stürzten sie ab. Zum Derby sind Wolfsburg und Hannover...( und dann groß und fett, der Verf.) die NIEDERsachsen". Mit jeweils vier Punkten ist die Ausbeute allerdings wahrlich mager.

Aussagen und Interviewsequenzen beider Trainer in der vergangenen Woche könnte man daher beinahe wahllos auseinanderreißen und mit anderen wieder zusammenfügen. Beinahe – denn das Zitat stammt natürlich nicht von Lienen, sondern von WOB-Trainer Gerets. Mit Leverkusen, Schalke und Bremen hatten wir schließlich drei Gegner, die bestimmt besser sind als wir (S04 hat es nur nicht so raushängen lassen).

Das Beispiel Wolfsburg zeigt, dass man auch mit einer klaren Zielsetzung Schiffbruch erleiden kann. Gut, das Ziel Champions League-Quali war auch reichlich überkandidelt, und dann diese ewige Diskussion in der Hinrunde um den nicht vorhandenen Wolfsburger Rathaus-Balkon von wegen "Wo machen wir denn bloß die Meisterfeier?" Wirklich lachhaft. "Einige Spieler brauchen wohl diesen Realitätsschock. Dass sich alle über uns kaputtlachen und sagen: Was ist denn bei euch los?" Dieses Zitat stammt wiederum von Ewald Lienen, das hätte man aber auch ahnen können, denn schließlich fragt ja keiner, was beim VfL los ist, und trotzdem lachen sich alle über ihn kaputt.

So hat Ewald Lienen seinen Spielern verkündet, dass er keine Lust mehr habe, ihnen zu erklären, was falsch läuft. Eric Gerets hingegen bläst die Backen auf und legt vor: "Ich habe mich immer vor die Mannschaft gestellt. Bis auf weiteres...", schließt er jedoch luftleer, "mache ich das auch jetzt". Außerdem versucht er mit Sprüchen wie "es gehe um die Ehre hier im Revier", die Stimmung vor dem Spiel anzuheizen. Der hat noch nicht erlebt, vor ausverkauftem Haus ein Auswärtsspiel bestreiten zu müssen – und für die Ehre wurde bei VW Wolfsburg auch noch nie gespielt.

Da sorgt Thomas Brdaric schon für mehr Aufregung im Vorfeld: erst beschwert er sich über sein Reservistendasein in WOB, um sich dann schon wieder bei uns ins Gespräch zu bringen. Sogar beim 96-Talk wollte er teilnehmen, bis ihn Manager Strunz zurückpfiff – und der ganze Aufruhr, obwohl der Storch wahrscheinlich wegen Knieproblemen gar nicht spielt.

Die letzten 96-Vorstellungen haben jedenfalls nicht gerade Geschmack auf das Spiel gemacht – ROB wird zum ersten Mal seit vier Pflichtspiel-Auftritten an der Aller nicht mit von der Partie sein. Sie gingen sowieso jedes Mal verloren, und wenn wir dann diesmal gewinnen, darf man ROB für die vergangenen Pleiten gerne regresspflichtig machen.

Wichtig ist aber vor allem festzuhalten, dass die Roten sicher nicht besser sind als Wolfsburg – wie man ja jetzt weiß, tut sich der VfL ja gerade gegen solche Gegner gern Unappetitliches an. Und was man sich einbrockt, das muss man ja bekanntlich auch...ach, wer das erleben darf!

Wir sind die Roten, wir sind die besten...

Rote Grüße

ROB

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