ROBs Gedanken

80. Ausgabe
23. / 24. Spieltag 2005

Saisonende!

Ja, damit ist nun der "worst case" eingetreten, nämlich zwei Niederlagen binnen 50 Stunden bei Schalke 04 – statt Königsblau am Abgrund also die Roten verloren im Weltraum. Keine UEFA-Cup-Qualifikation mehr über den DFB-Pokal, auch kein Finale in Berlin, allerhöchstens noch UI-Cup, nach hinten geht auch nichts mehr: 23 Spiele, neun Siege und Niederlagen bei fünf Unentschieden – hallo mittelstes Mittelmaß. Klar hätten wir so eine Konstellation zu Saisonbeginn sofort angenommen, aber nach der Hinrunde – jetzt aber ist die Spielzeit irgendwie schon vorbei.

Doch erst mal zum doppelten Schalke-Auftritt: was wurde da vorher nicht von A- und B-Elf bei Hannover 96 geredet, am Ende aber war es bloß viel Wind vor der Hoftür – beide Mannschaften der Roten lieferten einen ordentlichen Kampf in der Arena ab, am Ende aber sorgten Fehler in der Defensive und beim Schiri-Gespann für ein Unhappy End. Schalke erwies sich in beiden Partien als schlagbarer Gegner, aber bei uns läuft es einfach nicht – uns muss mal wieder ein Sieg in den Schoß fallen, sonst geht die Odyssee im Niemandsland weiter und weiter.

Im Punktspiel hielt 96 über eine Stunde die Bude dicht, was nach den jüngsten Vorstellungen ja alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Dann aber unterlief uns doch noch ein dicker Patzer, oder besser gesagt "Uns Dabrowski", der den bekannter Maßen kopfballstarken Krstajic im Rücken der Abwehr laufen ließ und die Gefahr weder erkennen noch bannen konnte, obwohl der Ball nach dem Freistoß lange Zeit in der Luft unterwegs war. Die Vorarbeit musste Hanke dann nur noch abstauben – das war´s. Doch, halt: da war ja noch der umstrittene Zweikampf in Schalkes Strafraum kurz vor Schluss, als Paunovic zu Fall kam und Schiedsrichter Gräfe (aus Berlin!) auf Gelb für unseren Neuzugang wegen einer angeblichen Schwalbe entschied. Zugegeben, auch ROB hatte erst einen solchen Regelverstoß geahnt, wohl aus nicht allzu großer Zuneigung gegenüber "Pau", aber dann war in der Zeitlupe zu sehen, dass das beileibe nicht so eindeutig war – Elfmeter hätte man da durchaus geben können. Erinnerungen wurden wach an unser letztes Gastspiel in Schalke, als in der Schlussphase Christiansen im gegnerischen 16er stürzte und die Pfeife des Schiris ebenfalls stumm blieb.

Und dann war da noch der Pfosten-Kopfball von Zuraw in den Schlusssekunden und dann leider schon der Abpfiff des Unparteiischen nach 90:48, obwohl eine Minute Nachspielzeit angezeigt war und 96 gerade eine weitere Flanke in den Strafraum schlagen wollte. All dies aber, also nicht gegebener Elfer, Pfosten, Nachspielzeit, war dem "Kicker" keine müde Zeile wert. Schiri Gräfe bekam dennoch nur eine "4" – weil er nach dem "Faustschlag von Dabrowski gegen Bordon" Elfmeter hätte geben müssen! Nun, er hat wahrscheinlich nichts gesehen, und es war auch nicht viel zu sehen – klar hat Dabro den Brasilianer mit dem Arm beim Kopfballduell im Gesicht getroffen, aber doch eindeutig unabsichtlich – und von einem "Faustschlag" konnte nun wirklich keine Rede sein. Doch auch im TV wurde die Szene ein paar Mal wiederholt und davon geredet, dass man da Rot hätte zeigen können. So wurde aus einem unglücklichen Zweikampf, wie er wohl in der Bundesliga an der Tagesordnung ist, mehr oder weniger eine Tätlichkeit hinter dem Rücken des Schiris – die 96-Anhänger dürfen nun also gespannt sein, ob Dabrowski sogar noch nachträglich gesperrt wird!

Doktor Fleischer

Ich habe zu lange gewartet, ich hätte draufhauen sollen.
(Per Mertesacker nach dem Pokalspiel über seine Chance zum 2:0)

Ja, wer würde schon zu so einem Arzt gehen, also mit so einem Namen. Der pfeifende Promovierte wurde an dieser Stelle sogar mal in Schutz genommen – als er beim 2:0-Sieg über Mainz in unserem Stadion von den Fans das ganze Spiel über ausgepfiffen worden war, weil seine Leistung aus der Vorsaison gegen Schalke (!) nicht vergessen war. Es wurde dabei vorgerechnet, dass der "Punktschnitt" von Hannover 96 gar nicht so übel ist, wenn der Herr Metz... ähh Fleischer aus Dachau an der Pfeife ist. Das könnt Ihr jetzt aber alles getrost vergessen, so einen Mist hat der verzapft. Doch der "Kicker" gibt auch hier die Bewertung "Ausreichend", er "patzte in einer Schlüsselszene, als er Hankes Abseitsstellung vor dem 3:1 übersah". Normalerweise ist in dem Fachblatt bei derartigen Aktionen von "Spiel entscheidenden Fehlern" die Rede, von denen einer meist schon die Note "5" garantiert – hier war´s nur ein "Patzer in einer Schlüsselszene".

Patzer gingen auch unseren beiden ersten Gegentoren voraus: da hatten wir S04 also erneut am Wickel und diesmal sogar eine verdiente Führung erzielt, verpassten in Person von Per sogar das frühe 2:0 und damit wohl die Vorentscheidung, und bekommen dann noch vor der Pause von der moribunden Püttmannstruppe zwei Dinger rein, weil beide Male auf unserer linken Seite geschlafen wurde: erst war´s Halfar, der beim Punktspiel Asamoah noch zur Bedeutungslosigkeit degradiert hatte, dann Zuraw, der seinen Gegenspieler über außen ziehen ließ. Erst staubte Asamoah mit glücklichem Aufsetzer ab, dann wieder einmal Hanke. Der junge Mann macht ja in der Zukunft einen Platz für sich in der Nationalelf geltend, aber er muss wissen, dass auch der alte Mann sich für höhere Weihen empfehlen würde, dürfte er immer so schön ein bis zwei Meter hinter dem letzten Mann der gegnerischen Abwehr rumlümmeln und auf einen Steilpass warten (alter Mann = ROB).

Doktor Schlacht... ähh, Fleischer jedenfalls erkannte auch das 2:1 an, obwohl Hanke beim Abspiel Hooglands auf Sand im Abseits stand. An dieser Szene entzündete sich gar eine Debatte unter Gleichgesinnten vor dem Bildschirm im Niedersachsenstadion – ha, klares passives Abseits! Von wegen, schließlich hat er doch das Tor gemacht. Na dann war´s eben eine "neue Spielsituation", wie es jetzt immer so schön heißt. Aber wie soll das eine eben solche sein, wenn der Steilpass auf Sand kommt, dieser den Ball nur einmal berührt, nämlich zur Flanke auf Hanke, und der den Ball ins Tor befördert? Das soll eine "neue Spielsituation" sein? Dann kann man einen Doppelpass eigentlich auch nicht mehr Doppelpass nennen, weil die finale Ballannahme des Spielers, der diese fußballerische Variante beginnt, schon wieder eine "neue Spielsituation" wäre, da der Spieler ja gewissermaßen nicht mehr der ist, der er am Ausgangspunkt der Aktion war! Oder doch nicht? Okay, wegen der wirklich absolut beknackten Regelsituation kann man den Referee nur vermindert schuldig sprechen. Vielleicht hat er sogar regelkonform entschieden - wer kann das bei "passiv" und "aktiv" noch mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten – aber dann ist die Regel wirklich total idiotisch.

Vor dem 1:1 stand übrigens Sand im passiven Abseits, hatte auch tatsächlich nicht ins Spiel eingegriffen, aber immerhin war er im 16er einmal "quer durchs Bild" gelaufen und hatte zwar dadurch nicht für derartige Panik gesorgt, wie sie etwa die usbekische Radsportlegende Djamulidine Abdushaparov im sprintenden Pulk verursachte, wenn er wieder mal von der Spitze weg sein Rad vor dem dahinfliegenden Peloton einmal quer von der einen zur anderen Straßenseite zog, um sich gegenüber den irritierten und teilweise notbremsenden Kollegen den entscheidenden Vorteil im Schlusssprint zu verschaffen – nein, Ebbe Sand mit dem "Schaukel-Express von Tashkent" zu vergleichen macht nur wenig Sinn, aber wenn die linke Abwehrseite von 96 aufgerissen wird, Hanke den Pass zu einem Schuss verwertet, Enke abklatscht und Asamoah einen krummen Ball produziert, der irgendwie ins Tor hüpft, und irgendwo dazwischen noch ein 1,90m großer Däne mal eben durch das Bild läuft, obwohl er da nix verloren hat, dann – ach, geschenkt...

"Pau" holte sich im Übrigen auch im Pokalspiel seine Gelbe ab, als er 04-Keeper Rost attackierte. Erst sprang der empörte 96-Fan noch auf und schimpfte wild über den Schalker Schauspieler, der sich ganz plötzlich wälzte und Erinnerungen produzierte, als er gegen Thomas "Storch" Brdaric in der vergangenen Saison in unserem Stadion zu Boden ging und den sterbenden Schwan markierte, um nach dem Spiel – übrigens ohne Konsequenzen – im Fernsehen mehr oder weniger eindeutig zu erklären, dass er den aus der Szene resultierenden Feldverweis gegen Brdaric provoziert habe. Schiedsrichter war damals natürlich der Schleif...ähh, Fleischer. Vor diesem Hintergrund lag es nah, dass Krupi sich am Dienstag zu ihm herunterbeugte und ihm Sachen wie "Weichei" ("Bild"-Zeitung) zuflüsterte – ROB brüllte da noch ganz andere Sachen vorm TV. Immerhin, die Zeitlupe zeigte tatsächlich einen Kontakt zwischen beiden, und als der Schlussmann seine Vis...sein Antlitz wieder zeigte, sah er dann doch wie ein angeknockter Boxer aus. Nicht schön, aber nicht so brutal, wie es nun schon wieder in mehreren Wiederholungen gemacht wurde – Paunovic hat nicht gegen den Kopf getreten, er hat aber auch keine Anstalten gemacht, über Rost rüberzuspringen.

Vorzeitig vom Platz musste dagegen Steven Cherundolo, dessen zweite Gelbe aus einer echt harmlosen Aktion resultierte verglichen mit dem, was sich etwa der Klopper Krstajic auf Seiten der Knappen über 90 Minuten gerne mal von hinten ermahnungslos herausnahm. Dafür hätte unser "US-Boy" allerdings kurz zuvor direkt vom Platz fliegen können, als er seinem Widerpart mit allzu deutlicher Absicht vor den Bauch trat – Schwiegermutters Liebling zeigte da nicht zum ersten Mal, dass er ein ganz schön schlechter Verlierer sein kann und deshalb gerne schon mal vorm Abpfiff den Platz verlässt. Am Wochenende wird er von Anfang an nicht dabei sein können – aber nicht wegen der Gelb-Roten vom Dienstag, sondern wegen der fünften Verwarnung, die er sich im Bundesligaspiel gegen Schalke eingehandelt hat.

Stajnis Stunt-Show

Nach seiner erneut schwachen Vorstellung am Samstag war er im Pokal-Viertelfinale gar nicht von der Partie – nicht mal eingewechselt wurde Jiri Stajner. Ein 96-Spiel ganz ohne ihn – das hat´s wohl auch länger nicht gegeben.

Gegen Bremen noch war er in einen spektakulären Sturz mit dem Spielgerät verwickelt, gegen Schalke gelang ihm dieses Kunststück gleich noch einmal. Der eingefleischte 96-Fan verfällt dann gerne in hysterisches Gelächter – das sei ihm gestattet. Sieht er aber etwa Leute, die nur so zum 96-Gucken mitgekommen sind und z.B. während des Spiels ihren Terminkalender ausfüllen, dann aber anlässlich lauten Gelächters aufgucken und ebenfalls anfangen zu gackern, weil Gospodin Stajner sich und somit uns zum Affen macht, dann wünscht man sich diese Zuschauer, die sich durch solche Szenen wohl nur allzu sehr in ihrer Auffassung von der Lächerlichkeit des Fußballsports und derer, die sich für ihn leidenschaftlich begeistern, zum Mond – und Stajni nicht zum Teufel, denn er ist ja unser Publikumsliebling, aber zumindest in der Sommerpause mal über die Dörfer, wo er dann mal tingelnd seine Stürze dem vergnügungssüchtigen Jahrmarktbesucher präsentieren könnte. Titel-Vorschlag für die "Revue" siehe Überschrift. Aber Vorsicht: macht man sich vor diesem Publikum zum Narren, können auch mal Tomaten fliegen...

Legende Litmanen

ZZu unserem ersten Pflicht-Freundschaftsspiel dieser Saison kommen nun ausgerechnet die abstiegsbedrohten Rostocker. Immerhin: wäre das Spiel an der Ostsee, so bestünde große Veranlassung zu glauben, dass Hannover 96 der Verein ist, der dem FC Hansa zu seinem ersten Heimsieg der Spielzeit verhelfen wird. Das geht aber nicht – dafür hat Rostock wiederum auch alle drei Rückrunden-Auswärtsspiele verloren, was ja auch schon eine kleine Serie ist.

Außerdem werden die Ostdeutschen ja schon seit Wochen von den Schiedsrichtern benachteiligt – systematisch, wie manch ein Verantwortlicher des Vereins nicht mehr hinter dem Berg halten kann, nicht systematisch, aber auffällig, wie der mehr oder minder neutrale Beobachter das Geschehen beurteilt. Wann aber reißt die Kette dieser Fehlentscheidungen? Muss nicht irgendwann das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen, so wie es Freiburgs Trainer Finke nach dem Gastspiel seines SC in Bochum geargwöhnt hatte, weil Coach Neururer wochenlang öffentlich über Benachteiligung seines VfL lamentiert hatte? Wo also wird das Pendel wieder beginnen, für Rostock auszuschlagen? Doch nicht etwa bei uns? Und: schlägt das Pendel umso heftiger zurück, je weiter es zuvor in die andere Richtung ging? Dann, ja, dann könnte uns eine Niederlage blühen, wie sie die Breisgauer am Mittwoch im Pokal gegen die Bazis bezogen haben.

Aber das ist natürlich nur Spinnerei, schließlich leidet Hansa ja auch unter dem für Abstiegskandidaten typischen Phänomen dauerhaft abwesenden Glücks und obendrein haben wir noch nie gegen Hansa zuhause verloren – auch wenn das, so wie dieser Abschnitt begonnen hat, dann ja auch wieder nicht für uns spräche.

Doch schauen wir auf 96: alles andere als ein Sieg, auch wenn es für die Roten um quasi nichts mehr geht, dürfte üble Folgen zeitigen. Jetzt, wo alle Beteiligten, Präsidenten, Trainer, Spieler und Journalisten so viel Muße angesichts der Platzierung im Nirvana der Tabelle haben, sich über alles Mögliche ihre Gedanken zu machen. Es müsste halt mal wieder so ein einfacher, glücklicher Sieg gelingen, auch wenn es dem gebeutelten Gast vielleicht den Garaus bereitet. Wir bitten schon mal um Verständnis: bei uns kann es schließlich so auch nicht weitergehen.

Daher ist für den Samstag von beiden Parteien ein ganz hübscher Krampf-Kick zu erwarten, bei dem auch die Besucher wenig Gedanken dafür haben werden, dass unten auf dem Rasen einer der ganz Großen seiner Zunft sein Werk verrichtet. Seit kurzer Zeit erst spielt ja Jari Litmanen für Rostock, der in den 90ern zum damaligen Dream Team von Ajax Amsterdam zählte. Der Finne, von anderthalb Jahrzehnten Profifußball gesundheitlich angeschlagen, wird dennoch, da darf man sicher sein, wenigstens ab und an mal sein Können in einer kleinen Finte oder einem raffinierten Zuspiel andeuten – und dem Zuschauer doch das Gefühl geben, hier eine Legende auf seiner Ehrenrunde noch mal gesehen zu haben.

Ob er der Hansa-Kogge aber noch mal genug Rückenwind verschaffen kann, bleibt dennoch zu bezweifeln. Womöglich gerät sie an der Leine endgültig in eine solche Schieflage, angesichts derer man als gestandener Seemann endgültig zu der Einsicht gerät, dass jeder weitere Rettungsversuch zum Scheitern verurteilt ist. Dann stimmt der Chor der roten Landratten schon mal zum Abschied an: "Auf Matrosen, ohe, einmal muss es vorbei sein..."

Rote Grüße

ROB

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