ROBs Gedanken

77. Ausgabe
20. / 21. Spieltag 2005

So nicht, Herr Schön!

So titelte damals die "Bild"-Zeitung nach dem 0:1 der BRD gegen die DDR bei der WM 1974. Da musste sich der "Mann mit der Mütze", Bundestrainer Helmut Schön, plötzlich warm anziehen, nachdem das Revolverblatt tags zuvor "Westdeutschland" schon mal zum kollektiven Sieger erklärt hatte ("Warum wir gewinnen werden!"). So schnell kann es im Fußball gehen vom "Wir" zum "Du", gerade im Fall des Misserfolgs und der meist daraus resultierenden Schuldzuweisung.

In unserem Fall, also der 1:3-Niederlage von Hannover 96 gegen Borussia Dortmund, muss man allerdings konstatieren, dass es einigen Grund für eine Schlagzeile gegeben hätte mit den Worten: "So nicht, Herr Lienen!" Warum unser Trainer die in Bielefeld erfolgreiche Taktik - Viererkette mit drei Staubsaugern davor im defensiven Mittelfeld (Stichwort: "Doppel-Blocker-Stopp-System") - änderte, war nicht einzusehen. Dass die Mannschaft nach dem verunsicherten Auftritt gegen Vizekusen durch einen redlich erarbeiteten Sieg bei schwachen Bielefeldern gleich wieder zurück in die Spur gefunden haben würde, war doch wirklich nicht zu erwarten.

Denn von der Gala-Form des Oktobers waren die Roten ja auf der Alm auch noch meilenweit entfernt. Also trimmt man seine verunsicherte Mannschaft erst mal auf das Sichern des eigenen Tores und Stabilität im System. So wie es Lienen nach Startproblemen schon in der Hinrunde gelang und darüber ein Selbstvertrauen erwuchs, welches dann auch strahlende Auftritte ermöglichte. Da müssen wir wieder anfangen, da hilft kein Jammern, die Ende 2004 noch hoch gelobte Verteidigung kommt ganz offensichtlich ohne die Unterstützung eines stark defensiv ausgerichteten Mittelfeldverbandes nicht aus.

Warum aber änderte Ewald Lienen das System? Fühlte er sich in irgendeiner Form im Druck, tollen Offensivfußball bieten zu müssen? Wohl kaum. Gerade gegen die Dortmunder, die zuletzt mannschaftliche Geschlossenheit bewiesen hatten, musste man gewarnt sein. Und dann ließ sich 96 vom spielerisch keinesfalls überragenden Gegner schlicht und einfach den Schneid abkaufen - und zwar von Beginn an, manifestiert im frühen 0:1, bei dem Kringe ungehindert von Cherundolo flanken und Koller beinahe unbedrängt vom bemitleidenswerten Halfar im Duell David gegen Goliath (28 Zentimeter Größenunterschied!) einnicken konnte. Irgendwie hatte man schon nach diesen sechs Minuten den Eindruck, dass heute nicht mehr viel gehen würde.

Fragwürdig auch die Maßnahme, den gerade erst verpflichteten Paunovic von Beginn an spielen zu lassen. Der Serbe hat sicher seine Qualitäten, die Abstimmung mit seinen Mitspielern konnte aber einfach noch nicht richtig funktionieren. Warum aber ging Lienen dieses Risiko ein? Es wäre nicht mal nötig gewesen, das System wegen des Neuzugangs zu ändern, hätte der Jugoslawe doch neben Stendel als zweite Spitze agieren können. Doch wollte er Stajner wohl nicht auf die Bank setzen, was nach seinem Auftritt in Bielefeld auch nicht gerechtfertigt gewesen wäre. So war Lienen tatsächlich fast dazu verdammt, auf 4-3-3 umzustellen, nur: warum ist er so auf Paunovic fixiert, dass er sich für dessen Sofort-Transfer sogar mit Kaenzig anlegt? Und ihn nach der 1:3-Pleite gegenüber den anderen Spielern noch lobt ("Ich bin froh, wenn überhaupt mal einer vorne eine Idee hat")? Wie kommt der Trainer dazu, nach dem Spiel verlautbaren zu lassen, dass er nach den Trainingseindrücken der Woche am Donnerstag das Spiel gegen den BVB am liebsten hätte verlegen lassen?

Ungewöhnlich emotional für einen Sachlichkeitsfanatiker wie Ewald Lienen. Öffentliche Mannschaftsschelte, Taktikänderungen und hektischer Wintereinkauf inklusive Spannung zwischen Trainer und Manager - das erinnert an die letzten beiden Saisons, aber da waren wir im A-b-s-t-i-e-g-s-k-a-m-p-f. Der Kader hat in der Vorrunde Außergewöhnliches geleistet und sollte auch im zweiten Saison-Abschnitt in der Lage sein, einen sicheren Platz im Mittelfeld zu behaupten. Warum also die Unruhe von außen, die jetzt ausgerechnet vom Trainer herein getragen wird? Ewald Lienens Mahnung, er vermisse die "Basics" bei seiner Mannschaft, gilt auf diese Weise jetzt auch für ihn selbst. Wie sagte er doch selbst nach dem Spiel: "Dieses Auf und Ab muss aufhören!"

Aufbau West

Die Art und Weise, wie 96 das Spiel "abgeschenkt" hat, war dann schon bedenklich. Sören Halfar musste binnen acht Tagen nach den Höhen nun gleich die Tiefen der Bundesliga am eigenen Leib erfahren. Nicht nur im wörtlichen Sinn - er hatte sich gegen Smolarek am Knöchel verletzt - sondern auch im Spiel, als seine Mitstreiter so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie dem Youngster nicht helfen konnten. Mertesacker, von der Grippe geschwächt, auch blass in der Partie, Cherundolo pomadig im Zweikampfverhalten und Zuraw mit Stellungsfehlern wie zu längst vergessenen Zeiten (Stichwort: "Zurandolo"), dahinter Enke machtlos. De Guzman setzte die Serie von kopflosen Auftritten fort, auch Krupi erstmals neben der Kappe und Paunovic ohne Bindung zum Spiel. Einzig Lala und Stendel konnten wenigstens kämpferisch überzeugen, laufstark auch Stajner, der sich aber - wieder mal offensichtlich von der ersten missglückten Aktion aus der Bahn geworfen - in einer seiner berüchtigten, bizarren Darbietungen verlor.

Der BVB konnte kaum einen besseren Gegner finden, wo man im Verein vor allem mit den hausgemachten Problemen zu tun hat. Da tun sportliche Erfolge gut, zumal, wenn sie so schnell unter Dach und Fach gebracht werden. Und wenn die Dortmunder oft auch überhart einstiegen - Schiedsrichter Kircher ließ den Schwarz-Gelben erstaunlich viel durchgehen - so wussten sie offensichtlich, wie man an diesem Nachmittag zu Werke gehen musste. Unsere offensivere Ausrichtung wirkte sich jedenfalls nicht in erwähnenswerter Weise auf unsere Anzahl von guten Torchancen aus. Irgendwie hatten die Roten ihren Biss vergessen - die Foulstatistik ging jedenfalls auch an den BVB: mit 10:27!

Hannoverscher Samariter-Verein von 1896 e. V.

Vereine, die mit großen Problemen nach Hannover reisen, mit großzügigen Punktgeschenken aufzupäppeln, hat ja schon Tradition bei Hannover 96 (Stichwort: "Tradtionsverein"). Allein aus alten Zweitliga-Zeiten könnte man eine Liste erstellen, die sicher von Hannover bis kurz hinter den Mond reichen würde. Seit die Roten wieder in der Bundesliga sind, fällt dies nicht mehr ganz so augenscheinlich ins Gewicht, da wir ja oft selbst Außenseiter waren bzw. sind. Immerhin: etwa das an dieser Stelle immer wieder masochistisch zitierte Spiel der Saison 02/03 gegen das sich eigentlich nur noch in Agonie windende Loserkusen (1:2), oder die grausam schmerzhaften Pleiten aus der vergangenen Spielzeit gegen Hertha (total von der Rolle 1:3) oder Kaiserslautern (total unverdient 0:1) zeigten, dass 96 immer noch alte Qualitäten aufblitzen lassen konnte.

Fragte sich der neutrale Fußball-Fan etwa damals verzweifelt (Stichwort: "Absteiger der Herzen"), wie es die beiden letztgenannten Teams schafften, den Absturz in die Zweitklassigkeit zu vermeiden, dann muss man klipp und klar sagen: weil wir ihnen einen Auswärtssieg mit auf den Heimweg gaben, diese Königin unter den Motivationshilfen für die eigentlich Hoffnungslosen, und wir taten es so selbstlos und voller Hingabe, wie die Mutti ihren Lieben das Pausenbrot in den Tornister steckt, ihnen noch mal durch die Haare streicht und "Jetzt aber los!" mit unüberhörbar fröhlicher Nuance im ernsthaften Tonfall zuruft. Wir meinen es eben gut mit den Schwachen, schließlich wissen wir selbst ja gut genug, was das bedeutet. Schade nur irgendwie, dass wir so selten etwas zurückgegeben bekommen.

Bisweilen baut Hannover 96 auch einzelne Spieler in schweren Identitätskrisen auf. Es sei bloß an den Fall Paul Freier erinnert - der damalige Bochumer hatte über ein Jahr kein Tor, wohl gemerkt als Stürmer, mehr erzielt, als wir ihm am letzten Spieltag der Saison 03/04 endlich wieder auf den rechten Weg brachten: sogar das lausige Zuspiel seines Mannschaftskameraden Madsen mussten wir "Alfred E." per Buckelablage noch so auf dem Tablett servieren, dass er gar nicht mehr anders konnte, als aus gut zwanzig Metern abzuziehen und zu treffen - mit dem Effekt, dass Freiers Wechsel zu den Pillendrehern doch noch in trockene Tücher kam und er heute wieder Nationalspieler ist!

Wie nachhaltig die Roten dabei agieren, zeigt der bereits geschilderte Fall, als sie Hertha BSC die Klasse retteten: sie ließen die Hauptstädter ja eben nicht nur gewinnen, nein, sie handelten ganz nach dem altbekannten karitativen Motto: "Gib dem Hungernden einen Fisch und er wird satt werden. Gib ihm eine Angel und er wird überleben!" Mit anderen Worten: 96 gab nicht bloß die Punkte her, nein, wir gestatteten dem tief in der Krise befindlichen Marcelinho, mit dem in der Hauptstadt fußballerisch alles steht und fällt, der in der damaligen Saison noch ohne Torerfolg (am 22. Spieltag!) war und nach einer Fußverletzung einfach nicht in Tritt kommen wollte, gleich auch noch zwei Buden. Bei der ersten bildeten wir noch einen Spalier, bei der zweiten war das Aufkeimen des alten Selbstvertrauens bei Marcelinho schon wieder zu erkennen. Ergebnis: mit weiteren sechs Hütten in den folgenden zwölf Spielen war der Brasilianer maßgeblich am Klassenerhalt der Berliner beteiligt.

Ja, und diese Saison haben wir auch schon einem Dortmunder geholfen, nämlich Tomas Rosicky. Beim Hinspiel stellten wir wieder die Gasse "a la Marcelinho" und auch der Tscheche ließ sich nicht lange bitten. Doch es sollte der einzige Treffer in fünfzehn Partien des schmalen Technikers für den BVB bleiben - nun, nicht jeder nimmt Hilfe ohne weiteres an, möglicherweise hat Rosicky auch der späte Ausgleich durch Per Mertesacker geschockt, 96 aber hatte das Seine, das kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, ein Mal mehr getan.

Betrübt mussten die Roten nun zur Kenntnis nehmen, dass dem verletzten Tschechen am Samstag einfach nicht zu helfen war. Doch kein Problem für uns, denn da gab es ja noch - LARS RICKEN! Ein Fall wie geschaffen für Hannover 96: Als 20-jähriger schon Gewinner der Champions League mit dem BVB 1997, erzielte dabei den entscheidenden Treffer mit einem "Tor des mindestens Jahres", Jung-Nationalspieler, dann Leistungseinbruch, jahrelanges Auf und Ab mit immer weniger sportlichen Höhepunkten, "ewiges Talent" und endgültiger Absturz in dieser Saison mit lediglich drei Kurzeinsätzen in der Hinrunde. Und natürlich das Wichtigste: Ricken ist Ur-Dortmunder und hat seit der Jugend nie bei einem anderen Verein gekickt - als Identifikationsfigur ist er für den Club also eigentlich nicht zu ersetzen. Keine Frage, der ehemalige Jung-Star ist für den Krisen gebeutelten Revierclub eine Schlüsselfigur. Gedacht, getan: erst zog Dariusz Zuraw den Kopf ein, damit Ricken zum vorentscheidenden 2:0 einköpfen konnte, den Sack zu machte der inzwischen 28-jährige kaltschnäuzig per Abstauber.

Zwei Tore für Ricken - die gelangen ihm in der gesamten vergangenen Saison in 23 Einsätzen. Eines davon übrigens beim 6:2 gegen 96 - auch damals hatten wir also schon nichts unversucht gelassen. Sollte Dortmund also noch in den Europacup kommen und Deutschland nächstes Jahr mit Torschützenkönig Ricken Weltmeister werden, dann hat´s der geschätzte Leser ja schon längst gewusst, wie das Ganze zustande gekommen ist. Den Lorbeer aber werden wieder die anderen aufgesetzt bekommen - doch irgendwo wartet schon wieder der nächste Fall für: HANNOVER 96...!

Rückkehr nach Alesia

Alesia!? Was ist das!? Ich kenne kein Alesia! Alesia!? Noch nie gehört...
(Methusalix´ Standard-Reaktion, wenn die vernichtende Niederlage der Gallier bei gleichnamigem Ort zur Sprache kommt)

Samstag also geht´s nach Freiburg, doch wir wollen hier nicht wie Methusalix die Augen verschließen vor den Fakten. Daher bleibt dem 96-Fan nichts anderes übrig als festzustellen, dass Freiburg ein ganz mieses Pflaster für die Roten ist.

Schon zu Zweitliga-Zeiten gab es keinen Lorbeer für uns im Breisgau zu holen: vier Unentschieden und vier Niederlagen, darunter das unvergessene 2:3 im Jahre 1986, das unsere Super-Startserie in die Saison mit acht Siegen aus acht Spielen jäh beendete. Bei unseren Pleiten gab es dort auch immer mindestens zwei Gegentore, im letzten Aufeinandertreffen im "Unterhaus" 1992/93 setzte es gar ein heftiges 0:4.

Und dann, nach über zehn Jahren, das erste Wiedersehen im Dreisamstadion am Tag der Arbeit 2004: am 31. Spieltag lag 96 alles andere als gesichert in der Tabelle, und die Hoffnungen auf einen wichtigen Punktgewinn schwanden nach Riethers frühem Tor in der 14. Minute, sie zerstoben gar komplett, als sich Steven Cherundolo in einem Anflug von geistiger Umnachtung nach 25 Minuten in einer einzigen Szene Gelb-Rot abholte. Damit waren die Weichen gestellt und der SC gewann am Ende deutlich, aber viel zu hoch mit 4:1. Brdaric hatte noch zwischenzeitlich auf 2:1 verkürzen können - auf Vorarbeit des übergewichtigen Kurt Cob... ähh, Vladimir But, der trotzdem ein gar nicht viel versprechendes Debüt an alter Wirkungsstätte ablieferte. Iashvili besorgte uns mit einem Doppelpack den Rest. Schwacher Trost: immerhin beendeten wir die Partie in Gleichzahl, da Freiburgs Coulibaly wegen Ausziehen seines Trikots ebenfalls vorzeitig vom Feld musste. Allerdings erst, als alles schon entschieden war.

Samstag also ein neuer Anlauf. Leider haben wir ja mit Altin (mit Albanien), Dariusz (mit Polen), Cherundolo (mit den USA) und SuPer vier Spieler unter der Woche im Länderspieleinsatz. Bei Freiburg ist nur der neu verpflichtete Österreicher Ibertsberger unterwegs - Khizaneishvili, Tskitishvili, Iashvili (Georgien), Coulibaly (Mali) und Sanou (Burkina Faso) verzichteten gar laut "Kicker" auf ihre Länderspielreisen, "um sich voll auf den SC zu konzentrieren".

Tja, das wäre von unseren Spielern ja durchaus auch wünschenswert gewesen - schließlich gehen die Roten über jede Nationalelf. Doch so läuft Per mit Erkältung gegen Argentinien von Beginn an auf, obwohl er eigentlich als Ersatzspieler vorgesehen war, während Michael Ballack seine Grippe in München auskurieren darf. Und Steven Cherundolo jettet mal eben um den halben Erdball - die USA spielen auswärts gegen Trinidad & Tobago - um in der Karibik bei 30 Grad Celsius und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit ein Match zu absolvieren. Dann fliegt er wieder zurück, via Paris nach Basel und von dort ins Quartier bei Freiburg, wo er Freitagabend erwartet wird. Bei so einem Programm kann man dann auch schon mal Samstag nach fünf Minuten vom Platz fliegen.

Vor den beiden schweren Partien gegen Werder und in/auf Schalke sollte aber mindestens ein Punkt aus dem Südwesten mitgebracht werden - bei der Bilanz will man ja nicht vermessen werden, auch wenn die Finke-Elf auf einem Abstiegsplatz steht. Knaller wie den von Coulibaly in Gladbach oder ein "Geister-Tor" wie das von Riether eben dort wollen wir dieses Wochenende auf gar keinen Fall sehen.

Übrigens: diese Stadt ist nicht nur fußballmäßig ein verwunschener Ort. ROB verbrachte einmal drei Tage eines Sommers dort und es regnete die ganze Zeit in Strömen, obgleich ihm doch ein Aufenthalt in dem Ort mit den meisten Sonnentagen Deutschlands versprochen worden war. Die unter anderem wegen dieses Versprechens daraufhin mitgeführten und getragenen Espandrillos - das sind so Stoffschuhe mit einer Art Bastsohle, die man vor langer Zeit einmal trug - waren schon nach dem ersten Tag ruiniert und wurden wutentbrannt an einer Bushaltestelle im Mülleimer versenkt.

Dieser Tage kam eine Anfrage: wie sieht´s denn aus, fahren wir nach Freiburg? Freiburg!? Was ist das!? Ich kenne kein ...

Rote Grüße

ROB

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