Es wird ja aber auch langsam Zeit, dass es wieder weiter geht mit unseren Roten und der Bundesliga - allein, um die blöden Pausen-Spots der Sportschau nicht mehr ertragen zu müssen. Mit 28 Punkten aus der Hinserie liegt 96 ausgezeichnet in der Tabelle - nicht, dass wir allzu sehr nach vorne gucken sollten. Selbst mit unserer Super-Ausbeute aus der Rückrunde von vor zwei Jahren - 2002/03 gab es in der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg 27 Punkte zu bejubeln - kämen wir dieses Jahr auf die 55 Punkte, die Borussia Dortmund vergangene Spielzeit knapp nicht für den UEFA-Cup reichten. Aber viele könnten sich bei uns ja auch mit dem UI-Cup anfreunden. Für die Tiefstapler: selbst mit den mageren neun Pünktchen, die der 1.FC Nürnberg vor zwei Jahren in der Rückserie holte und abstieg, kämen wir auf 37 Zähler, die eigentlich immer für den Klassenerhalt gereicht haben.
Mit Bayer 04 Leverkusen dürfen wir am Sonntag gleich einen direkten Kontrahenten begrüßen, liegen die Rheinländer doch einen Punkt hinter uns auf Platz acht. Auswärts haben sie bisher noch nicht viel gerissen - sieben Punkte bei bisher neun Gastspielen in dieser Saison verbreiten bei den Hausherren der Liga nicht gerade Angst und Schrecken. Lediglich beim freundlichsten Gastgeber im Oberhaus, dem FC Hansa, gelang Bayer ein Sieg. Andererseits haben wir die Pillendreher auch erst einmal zuhause bezwingen können: 1987/88 gab es gleich einen 6:1-Sieg.
Mit Schrecken muss man sich als 96-Fan an jenes entsetzliche vorletzte Aufeinandertreffen erinnern, als wir gegen eine tief in der sportlichen Krise steckende Bayer-Elf durch ein frühes Tor von Popescu - sein herrlicher Heber überraschte 04-Torwart Butt - in Führung gingen, im weiteren Verlauf gegen die total verunsicherten Gäste Chance um Chance vergaben, um dann in den letzten zehn Minuten das Spiel noch zu verlieren. Zu allem Überdruss schoss ausgerechnet Jan Simak den Siegtreffer für Leverkusen in der Nachspielzeit.
Es war irgendwie ein Stück aus dem Lehrbuch, oder eher aus dem Bilderbuch "Hannover 96 und seine Niederlagen" - dieses Spiel war ja auch nicht irgend eines, sondern immerhin das letzte der Roten, ja, das allerletzte der Roten in ihrer natürlichen Heimat, dem Niedersachsenstadion, so wie man es kannte und trotzdem liebte. Nach dem Schlusspfiff am 22. Februar 2003 kamen die "Abrissbirnen", ein Ende mit Schrecken, aber irgendwie passend.
Und so schließt sich am Sonntag der Kreis, wenn Bayer Leverkusen knapp zwei Jahre später wieder nach Hannover kommt, um zur offiziellen Eröffnung des neuen Stadions, der so genannten "AWD-Arena", hoffentlich die Punkte da zu lassen...
Petrus hatte einfach kein Einsehen. Den ganzen Tag über prasselte der Regen auf die Landeshauptstadt, die doch eigentlich so richtig feiern wollte. Endlich war es fertig, das große Stadion, wovon sie in Hannover schon so lange geträumt hatten.
(aus: "Der Ball. Der Rasen. Die Roten" von Hardy Grüne/Hrsg., Kassel 1995)
So wird er beschrieben, der Tag der Eröffnung des Niedersachsenstadions am 26.09. 1954. Nun hoffen wir natürlich, dass die Zuschauer am Sonntag besseres Wetter zur offiziellen Eröffnung der "AWD-Arena" bekommen, aber eigentlich spielt das auch wieder keine große Rolle: alle Besucherplätze im Stadion sind ja überdacht. Einer der ganz großen Unterschiede zwischen "alt" und "neu". Es hat ja viele ideologische Streitereien gegeben, von wegen "aus meinem Mund werdet Ihr AWD-Arena nicht hören, ich gehe weiter ins Niedersachsenstadion" und so. Aber die Zeit ist wieder mal geduldiger gewesen: wer wollte beim heutigen Anblick der fertigen Arena behaupten, dies sei (noch) das Niedersachsenstadion? Natürlich, die AWD-Arena steht auf demselben Berg aus Kriegstrümmern wie der alte "Tempel", komplett abgerissen wurde er ja auch nicht, Teile eben nur renoviert, umgebaut, verschoben und so weiter und so fort - aber nimmt man den ganzen Bau, so hat er mit dem guten alten "Niedersachsenstadion" fast nichts mehr gemein.
Wir werden uns daran gewöhnen müssen, und wir werden uns daran gewöhnen, auch wenn so ein Stadionname einfach der totale Scheiß ist - aber so läuft´s Business. Verweigerer können ja auf die Bezeichnung der FIFA - die verbietet ja bigotter Weise Werbung in Stadionnamen bei Weltmeisterschaften - zurückgreifen, die da lautet: "FIFA WM-Stadion Hannover". Oder war da noch irgendwo ein "2006" dazwischen? Richtig warm wird´s einem da auch nicht ums Herz.
Es ist eben ein bisschen wie mit den Roten: so wie sich das Stadion neu präsentiert, mit moderner Dach-Konstruktion, VIP-Logen etc, so werden an Hannover 96 ja auch Renovierungsarbeiten durchgeführt, die den Verein fit machen für die Aufgaben, die das Fußball-Geschäft heutzutage erfordert - sonst kann man nicht mitspielen in der Bundesliga. Als Architekten dieses Projekts kann man mit Fug und Recht Martin Kind bezeichnen. Der 96-Präsident hat sich ja mit vielen Maßnahmen wenig Freunde gemacht, vor allem mit der skandalösen Preispolitik bei den Eintrittskarten. Aber Kind hat den Verein auch auf ein neues Fundament gestellt - selbst wenn man die Auswirkungen Scheiße findet, Hannover 96 ist in der Bundesliga im dritten Jahr dabei und hat ein neues Stadion. Punkt.
Natürlich geht ein gewisser Charme der alten Zeiten flöten, auch, was das Stadion angeht. Die Beziehung zwischen Fans und ihrer Heimat muss erst wachsen, Renovierung und Ausbau des Niedersachsenstadions vor der WM 1974 stießen aber auch nicht unbedingt auf Begeisterung. Es war ja schließlich auch keine Schönheit, und die Atmosphäre ließ durch unüberdachte Blöcke und Laufbahn tatsächlich zu wünschen übrig. Aber der ganze Beton steckt natürlich voller Geschichte und Geschichten - das muss sich die neue Arena erst erarbeiten. Und mit dem Namen wird sie wahrscheinlich um einiges länger brauchen, um einen Platz im Herzen der Fans zu erlangen.
Sicherlich werden etwa technische Defekte an der Anzeigetafel, pardon, an den Screens, in Zukunft mühelos per Computer-Diagnose im Handumdrehen gelöst. Früher musste man dafür wochenlang einen üppigen Sternenhimmel auf der guten alten Anzeige betrachten, bis die ungarischen Spezialisten von "Elektro Impex" endlich angereist waren und das Problem behoben hatten. War das schön...wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass all die skurrilen Geschichten um Hannover 96 seltener werden, denn das moderne Vereinswesen professionalisiert und perfektioniert sich von Tag zu Tag, so auch das unsrige - auch wenn man es nicht für möglich halten möchte, aber die Dauerkarten sind rechtzeitig da! Manch einer registriert so etwas mit Stirnrunzeln - ist es schon nicht mehr unser Stadion, sind das vielleicht auch nicht mehr unsere Roten?
Keine Angst, Freunde: wir haben unzählige Enttäuschungen mit 96 erlebt und überstanden, da werden wir auch den Weg in eine erfolgreiche Zukunft verkraften. Schließlich bleiben wir Rote, auch wenn irgendwann mal wieder diese ganze Blase platzt. Drum singet nun mit ROB weiter aus der Nationalhymne der DDR: "Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es muss uns doch gelingen, daß die Sonne schön wie nie über Hannover scheint."
Wenn die Roten schon selbst keine großen, spektakulären Schlagzeilen mehr produzieren, so sorgte doch ein Kasus mit roter Vergangenheit zum Jahreswechsel für große Erheiterung. Der Sportdirektor des Karlsruher Sport-Clubs, Rolf Dohmen, wählte aus einer Liste von 34 (!) Nachfolge-Kandidaten für den entlassenen Trainer Köstner den Ex-96-Trainer Reinhold Fanz aus und stattete ihn mit einem Vertrag aus. Dohmen handelte, ohne den KSC-Hauptsponsor EnBW informiert zu haben, warum auch? Doch das Energie-Unternehmen ließ, kaum von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt, verlautbaren, dass Fanz nicht der Mann sei, den man sich für die schwierige Aufgabe vorgestellt habe - es fehle ihm das "sportliche und menschliche Format".
Die sportliche Leitung des Vereins ließ sich davon zunächst nicht beirren, doch drohte die EnBW plötzlich damit, aus dem Sponsorenvertrag auszusteigen - womit dem chronisch klammen Karlsruhern auf ein Mal 800.000 Euro gefehlt hätten, was wohl das Aus bedeutet hätte. Längst hatten aber die Sportredaktionen im Land heraus gefunden, wo der Hase im Pfeffer liegt: EnBW-Chef ist ja kein Geringerer als Utz Claassen, unser Ex-Präsident also, der sich mit Fanz zu 96-Zeiten derart überworfen hatte, dass es bis vors Gericht ging - seitdem ist Fanz für Claassen ein rotes Tuch. KSC-Dohmen musste denn auch eingestehen, dass er von dem Vorfall keine Kenntnis hatte - und Fanz´ Engagement war nach sieben Tagen wieder beendet.
Ein übler Gesichtsverlust für den KSC - vielleicht hätte man sich mehr darüber informieren sollen, wie man in Hannover den "Fall Claassen" gelöst hat. Man entsinne sich nur an die Männer in Schutzkleidung, die vor den Spielen damals mit Metalldetektoren über die Haupttribüne pirschten. Utz, die Abrissbirne, verkündete, wenn man sich nicht an seinen rigiden Sparplan halte, werde Hannover 96 bald in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Doch die Fans entschieden sich gegen ihn und für Franz Gerbers Politik des Risikos, die kurze Ära Claassen nahm ihr Ende und der Rest ist Geschichte...
Ohne den "Kicker" geht es eben nicht. So präsentierte das Sportmagazin am Donnerstag - passend zur Aktualität - bemerkenswerte Geschichten zum ersten Spieltag des Jahres aus der Bundesliga-Historie. Unser aktueller Trainer, Ewald Lienen, dürfte etwa diesen Spieltag von vor drei Jahren noch in schlechter Erinnerung haben. Mit seinem damaligen Verein, dem 1.FC Köln, verlor er das Auftaktspiel des Jahres 2002 bei 1860 München mit 1:2 - und anschließend seinen Job. Dass ihm dieses Schicksal auch 2005 widerfährt, glauben allerdings nur die allergrößten Schwarzseher im Lager der Roten. Obwohl: ab einem 0:13 müsste man vielleicht doch noch mal darüber nachdenken...
1973 wollten die Ekligen - ja, die haben auch mal Bundesliga gespielt - laut Sportmagazin zum ersten Spieltag des Jahres in Bochum mit Trikotwerbung auflaufen. Wahrscheinlich für das Zeug, das eigentlich zum Abbeizen benutzt wird, im Ostniedersächsischen aber munter seit Jahrzehnten durch die Kehle gejagt wird - neuerdings sogar mit Eis, buuäärgh! Jedenfalls machten die Turner und Sportler "kurzfristig einen Rückzieher, um Ärger mit dem DFB zu vermeiden". Mit anderen Worten: der Löwe zog den Schwanz ein...
Und in der ersten Geschichte der "Kicker-Chronik" kommt natürlich Hannover 96 mal wieder zu zweifelhaftem Ruhm. Im ersten Spiel des Jahres 1968 traten die Roten beim 1.FC Köln an. Das Geißbock-Team führte durch Treffer von Löhr und Simmet kurz vor Schluss mit 2:1, als Jürgen Bandura - von 1964 bis 74 in 298 Bundesligaspielen bei uns am Ball - für 96 zum Freistoß schreitet. Die Mauer des FC scheint ihm zu nahe zum Ball zu stehen, doch Schiedsrichter Kreitlein aus Stuttgart - immerhin zwei Jahre zuvor deutscher WM-Referee in England - macht keine Anstalten, dies zu korrigieren. Darauf - selbst ist der Mann - schreitet Bandura die Distanz zwischen Ball und Mauer höchstselbst ab, was Kreitlein als Majestätsbeleidigung interpretiert und unseren roten Helden vom Platz stellt. In Unterzahl gelingt 96 der Ausgleich in den verbleibenden sieben Minuten nicht mehr.
Doch schließen wir mit etwas Positivem: unser damaliger Torschütze, der eingewechselte Norbert Irtel, erzielte sein einziges Bundesliga-Tor in dieser Partie und kam überhaupt nur in zwei Spielen für Hannover 96 zum Einsatz - eine beeindruckende Quote! Wenn Altin sich die mal zu Herzen nehmen würde, könnte es am Sonntag richtig klingeln...
Rote Grüße
ROB